REZENSION: Wastelands? Kultur und Affekträume auf dem Land. Tracing cultural and affective places in rural areas

Von Kristin Westphal

Birgit Althans, Mirjam Lewandowsky, Fiona Schrading, Janna F. Wieland (Hrsg.): Wastelands? Kultur und Affekträume auf dem Land. Tracing Cultural and Affective Places in Rural Areas. Berlin: De Gruyter 2025.

Die Publikation Wastelands? Kultur und Affekträume auf dem Land ist aus einem vom BMBF geförderten Forschungsprojekt hervorgegangen, das vier Jahre lang auf neue Weise in den Regionen Oderbruch, Friesland und Hohenlockstedt Landschaften erforscht hat. Dem Anspruch folgend „neue Wege, um unsere Geschichten in den heutigen Zeiten lebendig zu halten“, geht der zweisprachige Band der Frage nach, wie Landschaften in all ihren Schichten als affektives Geflecht darstellbar gemacht werden kann, „das von allen Arten von menschlichen und mehr-als-menschlichen Leben, Schönheit, Komplexität, Fülle und Hoffnung durchzogen ist“ (9). Das Forschungsteam unter der Leitung von Birgit Althans geht dem in der Weise nach, dass atmosphärische Fotografien kunstvoll mit naturkulturellen, philosophischen, autobiografischen Texten verwoben werden. Landschaften werden in diesem Band weniger geografisch markiert, sondern vor allem als Affektive Landschaften gelesen: „Sie sprechen zu uns auf lyrische Weise.“ (5) In Gestalt von ethnografischen Vignetten werden im 1. Kpt. die Leser*innen auf eine Reise mitgenommen, indem Geschichten in Elementen der Landschaft (Wind, Wasser, Boden, Wetter) verortet werden. Zum einen wird beschrieben wie Landschaft durch ihre Elemente hindurch sensorisch erfahrbar werden, zum anderen aber auch die dunkle Seite aufgezeigt wie z.B. das Fischsterben und seine Bilder im Oderbruch. Offengelegt wird ein „affektiver Spannungsraum zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und wirtschaftlichen Interessen“ (49). Landschaft ist dann nicht mehr als unberührte Natur, sondern als geschädigte oder gefährdete Kulturlandschaft oder auch wie am Beispiel von Windanlagen als Energielandschaft zu verstehen. Gerahmt sind die Vignetten durch neomaterialistische und Affekt-Theorien. Herausgestellt wird die performative Materialität der in der jeweiligen Situation eingesetzten Medien und deren affektives Potenzial (249). Das 2. Kpt. (Ge)schichten. Historical Layers widmet sich dem Verschwinden von Infrastrukturen in diesen Regionen. Beobachtungen (Fremd sein) im Oderbruch thematisieren zudem die Entfremdungen der Ost-Westsozialisation. Das 3. Kpt. Affektive Pädagogiken befasst sich mit Geschichten, die durch innovative Methoden wie Sensory Ethnography und künstlerische Forschungsformate herausgearbeitet und mit Hilfe von Künstler*innen aus dem Bereich Theater und Bildender Kunst vor Ort inszeniert wurden. Dem schließen sich zentrale Erkenntnisse für eine Pädagogik der Verortung an: Unabdingbar sei es, ebenso lokal wie auch global und planetar zu denken. „Es ist wichtig zu wissen, wozu das örtliche Klima die Menschen zwingt und wie Lokales – ganz konkret und materiell sichtbar – mit Planetarem verschränkt ist.“ (252) Mit dem 4. Kpt. Apparate der Forschung wird reflektiert, wie die Zugänge über die Sinne, Bilder, Figuren und den Zufall das Beforschte gewissermaßen mit hervorbringen. Abgerundet wird der höchst ästhetisch ansprechende und zugleich informative Kunstband mit einem Glossar, der grundlegende Begrifflichkeiten der Affekttheorie aufnimmt.