Mikro-Kommunikation. Überlegungen zu einer Medienästhetik von WhatsApp

Von Oliver Ruf

Zusammenfassung

Die Kommunikation der Gegenwart ist dominant digital geleitet. Die Benutzung der Zeichen ist hier an mediale Artefakte gebunden, denen dabei das Kriterium des Mikroformatischen sowohl im Hinblick auf ihre Objektivationen als auch in Hinsicht auf ihre Inhalte zukommt. Der Beitrag nimmt diese Beobachtung zum Ausgang, um am Beispiel von WhatsApp eine Kommunikationspraktik medienästhetisch zu betrachten, die ihrerseits vehement die Gegenwärtigkeit der Kommunikation bestimmt.

„Ebenso wie die sozialen Maschinen, die man in die allgemeine Rubrik der Gemeinschaftseinrichtungen einordnen kann, wirken die technologischen Informations- und Kommunikationsmaschinen mitten in der menschlichen Subjektivität, nicht nur innerhalb ihrer Erinnerungen, ihres Verstandes, sondern auch ihrer Sensibilität, ihrer Affekte und ihrer unbewussten Fantasien.“ Félix Guattari, Chaosmose (1992)

 

Mitteilen, wahrnehmen, verkleinern

In der Debatte um die Unterscheidung medialer Artifizialitäten gemäß ihrer Funktionsweise in der Medien- und Kommunikationstheorie wird oft der Begriff der Mitteilung verwendet, um das Anliegen beteiligter Subjekte zu beschreiben, die diese senden, und den Mechanismus benutzer Objekte zu benennen, die jene vermitteln. Ein Schlüsseltext in diesem Zusammenhang stellt der im Jahre 1967 erschienene Text von Paul Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jackson Pragmatics of Human Communication. A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes dar (Watzlawick et al. 2017). In den Jahren danach, in denen meist ausgehend eines im englischsprachigen Raums auffallend häufig verwendeten Broadcasting-Begriffs die Auffassung kommunikativer Handlungen mittels technischer Medien diskutiert worden ist, kam es immer mehr zu einer Art nie enden wollender Verfolgungsjagd: Während sich die Theorie bemühte, kommunikative Abläufe in Medien-Dispositiven treffend axiomatisch zu bestimmen, war die technologische Produktion diesen Versuchen, so die eine Perspektive, in vielen Fällen stets einen Schritt voraus. Eine gegenteilige Beobachtung stellt der Befund dar, dass die Medientheorie sich oftmals geradezu visionär zur Wesenhaftigkeit der von ihr anvisierten Erscheinungen geäußert hat, allen voran – um zwei kontroverse diskursive Positionen zu nennen – diejenige in der Tradition Marshall McLuhans sowie jene in der Fluchtlinie Friedrich A. Kittlers (vgl. Heilmann & Schröter 2017; Ruf 2016). Dabei vertrete ich die Ansicht, dass seit dem Aufkommen, der Verbreitung und der dominanten Bedeutung des Internets diese Diskurse auf bemerkenswerte Weise auf einen Höhepunkt zugesteuert sind, der mit der Einführung mobiler, auf dessen Praktikabilität beruhender Medien erreicht worden ist; das Smartphone hat, so meine bereits ausführlich an anderen Stellen ausgeführte These, in diesem Zusammenhang innerhalb der menschlichen Gesellschaft eine eigene Kultur (vgl. Ruf 2018a) mit eigenen Kulturtechniken (vgl. Ruf 2014a) ausgebildet und es ist darüber nachgedacht worden, wie durch dieses Medium der menschlichen Wahrnehmung eine neue Phänomenalität zugeschrieben werden kann (vgl. Ruf 2018b; Ruf 2015a; Ruf 2015b; Ruf 2014b). Auffallend ist in diesem Kontext auch, dass damit nicht nur eine Verkleinerung der entsprechenden Medien-Hülle – d. h. dessen medientheoretisch abstrakt zu beschreibende Haut (vgl. Ruf 2014/15) – zu konstatieren ist, sondern dass explizit auch die Funktionen des Mitteilens (des Sendens und Empfangens und des Vermittelns) an Formate angeschlossen sind, die auf der Benutzer-Oberfläche des gehandhabten Gehäuses – auf berührungsempfindlichen Oberflächen (Touch Screens) – stattfinden, indem taktile Berührungen realisiert werden (vgl. Ruf 2018c): in programmierten Applikationen, deren Software das Kleine von und der Medien (vgl. Ruf & Schaffers 2019) auf verschiedenen Ebenen privilegiert; beispielsweise mittels Gesten des Tippens auf ausdrücklich kleinen Buttons oder mittels kleinen Wisch-Bewegungen zwecks App-Steuerung. Im Folgenden werde ich in einer analytischen Stoßrichtung ein entsprechendes Medienbeispiel betrachten, das seit über einem Jahrzehnt Kommunikationsweisen und Kommunikationsverhalten verändert. Der leitende Gedanke meines Beitrags ist, dass WhatsApp vor der skizzierten Folie auf einer wertvollen Zuschreibung beruht, die in Form und Funktionalität artikuliert und beachtet wird. Die Zuschreibung, die ich für wertvoll halte und als eigentliche Pointe dieses Medienphänomens betrachte, ist, dass jenes auf einer frappierenden Ästhetik des Kommunikativen beruht (vgl. Graubner 1977). Ein Großteil meiner Diskussion wird darin bestehen, exemplarisch die Bedeutung eines solchen ästhetischen Anspruchs plausibel zu machen. Zunächst muss es aber darum gehen, dazu den Begriff der Kommunikation explorativ noch einmal näher zu umkreisen.

 

Die Sache des Kommunizierens

Die erhellende Kraft der von Watzlawick, Beavin und Jackson geäußerten Überlegungen zu Formen, Störungen und Paradoxien der menschlichen Kommunikation verdankt sich der These, dass in den modernen Gesellschaften eine ernst zu nehmende Unterscheidung zum Vorschein kommt, die eine einzelne Kommunikation von einer wechselseitigen Interaktion unterscheidet. Bekanntlich stellt Watzlawicks generell in seinem Werk die These auf, dass der Inhalt von Kommunikation nicht nur die reinen Worte sind, sondern dass Kommunikation jegliches Verhalten in einem gesamten Kontext bedeutet. Dieser einleuchtende Gedanke, der paralinguistische Phänomene wie Tonfall, Redetempo, Stöhnen, Glucksen und Pausensetzung sowie Körperhaltung und Körpersprache im passenden Zusammenhang einschließt, ist in eine Argumentation eingebettet, die postuliert, dass menschliches Verhalten kein Gegenteil hat, d.h. dass wir uns ständig irgendwie verhalten, ob bewusst oder unbewusst. Behauptet werden kann, dass wir daher allzeit kommunizieren, da jegliches Verhalten (genau so wie geäußerte Worte) Mitteilungscharakter haben (vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 58). Selbst Schweigen hat denn auch eine Botschaft und wird geradezu unausweichlich zu einer zwischenmenschlichen Interaktion, sobald ein anderer Mensch dieses Verhalten wahrnimmt. Eine untergeordnete Rolle spiele hier ggf. die Intentionalität (dazu entgegengesetzt u. a. Kaspar 2016) der einzelnen Handlungen und Regungen, ebenso wenig wie deren potenzielles einheitliches (erfolgreiches) Verstehen ((vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 60). Es ist aus dieser Sicht nicht zwingend eine Politik des Verständnisses erforderlich: Kein zwangsläufiger Konsens, doch immer die vorausgesetzte Instanz des Kommunizierens schlechthin: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Ebd.).

Diese These will ich nun anhand von drei Aspekten etwas näher betrachten, die für meine im Anschluss zu versuchende medienästhetische Perspektive auf Mikroformate am Beispiel von WhatsApp wichtig sein wird: (i.) den Inhalts- und Beziehungsaspekt, (ii.) den Aspekt analoger und digitaler Modalität sowie (iii.) den Aspekt der technisch vermittelten interpersonalen Kommunikation.

(Ad i.) Auch bei der Untersuchung kleiner Kommunikationsformate wie WhatsApp ist nach wie vor der Informationsgehalt auffällig, wie er in den ausgeführten Kurznachrichten als, mit Rainald Goetz gesagt, „dauernd getippte[s] Sprechen“ und „Zwischentext-Formen“ zum Tragen kommt (Goetz 2003, S. 185). Bei genauerem Blick sind auch hier in jeder Mitteilung der*des Sender*in Hinweise zu destillieren, die darstellen, wie die*der Empfänger*in die Mitteilung verstehen soll (vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 61), ohne dass damit bereits etwas über das Erreichen dieser Intention gesagt wäre. Es handelt sich hier um Informationen über die Inhaltsinformation (= Metainformation, vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 63-64), die sich auf die Beziehung zwischen Sender*in und Empfänger*in bezieht und Stellung zu dieser nimmt. Folglich enthält auch jede WhatsApp-Nachricht einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, was umso deutlicher wird, wenn man bedenkt, dass die*der Empfänger*in oder, im Fall von Gruppen-Chats, die Empfänger*innen namentlich dargestellt werden, falls diese im Register des Smartphones, mit dem WhatsApp ausgeführt wird, hinterlegt und damit dessen Benutzer*innen potenziell bekannt sind. Es liegt also auch am Schema von Kommunikation schlechthin, wie WhatsApp-Kommunikation im Einzelnen wechselseitig wahrgenommen wird. Bekannte Sender*innen-/Empfänger*innennamen sagen jedoch noch nichts darüber aus, um welche Beziehung es sich überhaupt handelt. Die Kleinheit des Mediengeräts, das WhatsApp ermöglicht (auch bei der Nutzung eines Desktop-Computers ist ein Smartphone hierfür unabdingbar), tut das Übrige: Mobilität und Portabilität des Objekts sind hier die Voraussetzungen, in diesem Format überhaupt zu kommunizieren. Interaktion findet, so noch immer Watzlawick, Beavin und Jackson, dann statt, wenn der – ggf. permanente – Austausch von Mitteilungen einer Strukturierung unterliegt (vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 65). Diese organisiert das Verhalten, entscheidet, welches Verhalten als richtig zu betrachten ist, und stellt einen wichtigen Beziehungsbestandteil der Kommunizierenden dar. Dazu offenbart sich oftmals in bestimmtem kommunikativen Verhaltensmustern die Differenzierung eines dominanten Führer*innentypus und derjenige einer/eines Geführten bzw. mehrerer Geführter (vgl. ebd., S. 66): „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“ (ebd., S. 69f.)

(Ad ii.) Menschliche Kommunikation bedient sich häufig verschiedener Formen, um Objekte zu beschreiben und sie so zum Kommunikationsgegenstand zu machen. Äußern können sich diese analog im Sinne von Non-Verbalität (mittels Körpersprache, Vokalisierungen, Gestik, Mimik etc.). Diese Elemente haben häufig mehrere Bedeutungsmöglichkeiten, z. B. da eine Träne sowohl Schmerz oder Trauer als auch Freude bedeuten kann. Jene suggerieren einem dabei aber nicht, welche Variante nicht gemeint ist, weil sie keine Negation kennt. Daher muss von der/vom Empfänger*in einer Kommunikation eine Interpretation der Semantik vorgenommen werden. Diese analoge Modalität vermittelt entsprechend auch eine bestimmte Beziehungsebene. Digitale Ausdrucksmöglichkeiten können dagegen verbal durch einen Namen stattfinden; sie sind an Sprache gebunden und transportieren den Inhaltsaspekt einer Kommunikation. Digital zu kommunizieren, ist in diesem Verständnis nicht derart intuitiv, wie dies meist analog geschieht, sondern künstlich erzeugt. D. h. eine solche Kommunikationsweise muss erst einmal erlernt werden (vgl. ebd., S. 71). Gleichwohl können sich beide hier nur kurz zu skizzierenden Kommunikationsformen ergänzen – und der Mensch erscheint als das einzige Lebewesen, das hierzu in der Lage ist, auch wenn Probleme respektive Störungen (Informationsverluste, Missverständnisse usw.) hierfür konstitutiv sind (vgl. ebd., S. 72–74, S. 77).

Zusammenfassend:

„Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potenzial, ermangeln aber der für eindeutige Kommunikation erforderlichen logischen Syntax.“ (Watzlawick et al. 2017, S. 78)

Für WhatsApp an Relevanz gewinnt in diesem Zusammenhang die Erklärung der sogenannten zwischenmenschlichen Metakommunikationen via Beziehungsaspekte. Erkennbar wird so ein Beziehungsphänomen, das auf der Interaktion zweier Individuen beruht, die sich differenzierten Verhaltensnormen anpassen und sich somit in gewisse Beziehungsrollen fügen (= Schismogenese). Zu unterscheiden sind zwei Beziehungsformen: Zum einen die symmetrische, die die Kommunikationspartner*innen nach Gleichheit streben lässt einschließlich des Vermeidens oder Verringerns von Unterschieden (diese Beziehungsform beinhaltet also spiegelbildliche Rollen der Kommunikationspartner*innen), zum anderen die komplementäre, deren Sinn es ist, dass sich die Kommunizierenden wechselseitig – auf natürliche Weise und in Rückbezug auf gesellschaftliche und kulturelle Kontexte – mit ihren Unterschiedlichkeiten komplettieren (primär/superior vs. sekundär/inferior) (vgl. Watzlawick et al. 2017, S. 79). (Ad iii.) Nun besagt in diesem Zusammenhang die sogenannte Kanalreduktionsthese (vgl. Döring 2003; Hartmann 2004), dass eine Kommunikation, sobald sie nicht mehr face to face stattfindet, eine Reduzierung der Sinneskanäle unterläuft. Dies kann die Mitteilung, um bei diesem Begriff zu bleiben, negativ durch fehlende Inhalts- oder vor allem fehlende Metainformationen beeinflussen. Die Nachrichten scheinen dann entkontextualisiert, unpersönlicher oder – im extremsten Fall – überhaupt nicht mehr menschlich zu sein. Allerdings sind sich hier, wie sich mit Verweis auf das Modell der sozialen Informationsverarbeitung sagen ließe (vgl. Crick & Dodge 1994; Dodge 1991), die Kommunikatoren dieser Entsinnlichung bewusst und passen sich den eingeschränkten Kommunikationsfunktionen des Mediums an. Um verstärkt gegen die Nachteile der Kanalreduzierung vorzugehen, sind explizite verbale Benennungen von Gefühlen oder Analogien wie Symbole und Emoticons hilfreich. Dabei kann diese Reduzierung auch von Vorteil sein, wenn bei Textnachrichten beispielsweise das eigene Stottern oder zu schnelles Sprechen, das die/den Kommunikator*in und deren/dessen Kommunikationssituation eigentlich auszeichnen würde, nicht wahrzunehmen sind; der Inhalt der Kommunikation kann daher sogar klarer zu erkennen sein, als wenn jene von Angesicht zu Angesicht stattfinden würde. In gleicher Weise können manche Hinweisreize eher verwirrend zur Kommunikation sein, als dass sie sie unterstützen. Schließlich bleibt es eine subjektive und situationsbedingte Auslegung, ob die Reduktion des Kanals positiv oder negativ wirkt. Sicher bleibt lediglich, dass ein Informationsverlust grundsätzlich möglich ist, wobei aber auch die apperzeptive Ergänzung kompensierend wirken könnte (vgl. einmal mehr Bühler 1934).

In der Online-Kommunikation, zu der der Gebrauch von WhatsApp offensichtlich zu zählen ist, sind gemäß diesem Modell entsprechend soziale Hinweisreize (etwa Personenkenndaten wie Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus oder Religion) nicht immer deutlich zu identifizieren bzw. werden sie oftmals verborgen oder auch verfälscht. Möglich wird dadurch die Option medialer Enthemmung, was positive sowie negative Auswirkungen haben kann. Die offene Präsentation der persönlichen Informationen kann eine vorurteilsfreiere Interaktion mit größerer Intimität begünstigen. Gleichzeitig ist aber auch ein unkontrollierter Ausdruck von Aggression möglich. Medien werden vor dieser Folie im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für Kommunikationsaufgaben unterscheidbar; soll eine Online-Kommunikation Erfolg haben, muss mithin das richtige Medium für die Interaktion ausgewählt werden. Die mediale Einschränkung, von der bereits die Rede war und die eine eindeutige Reduktion von Information bewirkt, kann in diesem Fall von einem je unterschiedlichen Mediennutzungsverhalten ausgeglichen werden. D. h. allerdings nicht, dass ein Textmessanger wie WhatsApp Gefühle zwangsläufig verbirgt. Schließlich stehen dazu neben der Benennung von Emotionen verbale wie visuelle Analogien wie Emojis, Smileys oder Wortabkürzungen zur Verfügung werden, die ihrerseits insgesamt eine Realisierung von Online-Kommunikation als Kultur konstituieren (vgl. Hartmann & Krotz 2018).

Die Aspekte i.-iii. sollen nachfolgend gleichsam als Fundament dienen, um WhatsApp wie angekündigt einer theoretischen Lektüre zu unterwerfen, d. h. dessen Kommunikationsoptionen medienästhetisch zu lesen und so kulturwissenschaftlich (vgl. ebd., S. 234f.) ausdrücklich als Mikroformat besser zu verstehen. Aufrecht erhalten wird dazu das Verständnis, dass auch die WhatsApp-Kommunikation mit einem „Ungewissheitsindex“ ausgestattet ist:

„Kein Satz, keine Geste, kein Zeichen, keine Mitteilung und keine Nachricht kann eindeutig entweder auf eine Wahrnehmung oder auf einen kommunikativen Anlass zugerechnet werden. Immer spielt beides eine Rolle, der report oder Bericht über ein Vorliegendes […], und das command, nämlich die Aufforderung, zuzuhören, entsprechend zu erleben und zu handeln, mitzumachen und vor allem: den Sprecher ernst zu nehmen. Und immer muss man befürchten, dass das eine nur eine Rolle spielt, weil das andere bestärkt werden soll, dass Wahrnehmungen in Anspruch genommen werden, um Kommunikation glaubwürdiger zu machen oder zumindest um es schwieriger zu machen, sie zu bestreiten, und dass man sich auf Kommunikation nicht zuletzt auch deswegen verlässt, weil man den eigenen Wahrnehmungen nicht traut.“ (Baecker 2005, S. 48f.)

Es geht bei einer Konturierung der Medienästhetik von WhatsApp nicht darum, zu zeigen, wie hier medienästhetische Wahrnehmung identisch ist mit dem, „was gezeigt oder gesagt wird“, sondern darum, darauf hinzuweisen, welche Spezifik WhatsApp in der Art und Weise „besitzt“, die „eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten“, die „Techniken“ und „Mittel“ zur prozessualen „Verarbeitung“ einzusetzen: „Das Wie dieser Wahrnehmung steht im Mittelpunkt dieser Medienästhetik.“ (Schnell 2000, S. 22)

 

Tragweiten des Mikroformatischen

WhatsApp ist als Kommunikationsmittel ein Medium, mit dem räumliche und zeitliche Distanzen überschritten werden können und indem ein Grad an Gleichzeitigkeit vorausgesetzt ist: Getrennt vom Gegenüber und gleichzeitig mit jenem in gewissem Kontakt. Wurden zu diesem Zweck vor Einführung dieser Anwendung noch Textnachrichten als SMS versendet, findet diese Umsetzung von Kommunikation in der sozialen Praxis heute in ihrer Erscheinung als Instant-Messenger dominant statt. Da es bei SMS ursprünglich noch ein Problem war, mit Begrenzungen à 160 Zeichen zu schreiben, um weitere Kosten zu verhindern, erweist sich bereits hier die Zuschreibung mikroformatisch als zutreffend, da die entsprechenden Mitteilungen so ‚minimalistisch’ wie möglich gehalten werden mussten. Metakommunikation konnte dabei fast ausschließlich via Smileys stattfinden, die sich deshalb auch als für diese Kommunikation kennzeichnende Attribute etablieren konnten. In einem kleinen medienhistorischen Rückblick kann gesagt werden: Mit der Einführung von WhatsApp kam es jedoch zunächst zum Aufbrechen dieser kommunikativen Einschränkung. Brian Acton und Jan Koum gründeten am 24. Februar 2009 die Firma WhatsApp. Zu Beginn konnte diese Smartphone-App lediglich den Status der jeweiligen Telefonkontakte aus dem Adressbuch anzeigen, die die App ebenfalls nutzten. Noch im selben Jahr wurde allerdings die Messaging-Funktion ohne Zeichenbegrenzung hinzugefügt und auch die Möglichkeit, per Pop-up Informationen einer eingegangenen Nachricht zu erhalten. Kurz darauf gab es schließlich auch die Möglichkeit, Bilder zu versenden.

Die Bedienbarkeit von WhatsApp ist insgesamt einfach und die notwendige Account-Erstellung mittels eigener Mobilnummer schnell durchführbar. Die Anwendung war als Erstes ausschließlich für Applenutzer*innen erwerbbar, dann für diejenige von Blackberrys und ab August 2010 auch für diejenigen von Android-Systemen. Kaum zwei Jahre später avancierte WhatsApp zumindest für das iPhone zu einer der beliebtesten Apps im entsprechenden Store. Mittlerweile zählen über zwei Milliarden Menschen weltweit zu deren Nutzer*innen (vgl. Statista 2020), d. h. fast ein Drittel der Weltbevölkerung. Trotz dieser enormen Verbreitung und Beliebtheit läuft die Medienrealität von WhatsApp Gefahr, gewisse moralische Ansprüche ad absurdum zu führen, allen voran Fragen der Datensicherheit. Die Übernahme von WhatsApp durch Facebook im Februar 2014 hat diesen Umstand weiter problematisch gemacht.

Daneben lässt sich, um auf der Ebene der Medienbeschreibung zu bleiben, per WhatsApp ein 24h-Status angeben; man kann telefonieren und neben schriftlicher Kurz-, Bild- und GIF-Mitteilungen (vgl. Ruf & Matt 2017/18) Sprachnachrichten versenden, wodurch die kommunikativen Interaktionen miteinander verschaltet werden. Doch nicht nur mit einzelnen Telefonkontakten kann interagiert werden; durch die sogenannte Gruppenfunktion können nicht allein Gruppeninteraktionen mit den eigenen Telefonbuchkontakten gestartet werden. Denn durch die Einladungsfunktion innerhalb der Gruppe kann ein WhatsApp-Mitglied, sofern es den Status als Admin in der Gruppe besitzt, auch Kommunikator*innen hinzufügen, die nur dieses Mitglied eingespeichert hat. Somit sind interpersonale Kommunikation und Gruppen-Kommunikationen mit WhatsApp nicht nur möglich; sie haben dieses Format überhaupt erst etabliert.

Wie können diese Kommunikationsmöglichkeiten von WhatsApp vor dem Hintergrund des Gesagten und Beschriebenen genauer identifiziert werden? Und wie korrelieren diese mit dem Attribut des Mikroformatischen? Auf den ersten Blick ist es die primäre Aufgabe von WhatsApp, es möglich zu machen, geschriebene Nachrichten zwischen zwei oder mehreren Parteien zu versenden, wobei die Kommunikation synchron abläuft oder ablaufen kann und meistens auch soll. Dabei spielen Emojis wiederum eine entscheidende Rolle (auch deren Nichtverwenden); sie ermöglichen in der digitalen Kommunikation durch eine immer größere werdende Auswahl an visuellen Gesten, Mimiken, Darstellungen, Zeichen usw., Analogien zur besseren oder vielmehr: verbesserten, im Sinne einer mutmaßlich effektiveren Metakommunikation, zu verwenden. Insgesamt findet hier eine Interaktion statt, sobald die Nachricht von der/dem Gesprächspartner*in wahrgenommen wurde; sie muss nicht einmal gelesen werden, da das bewusste Ignorieren von Nachrichten ja etwas aussagt. Das auf der Oberfläche der Anwendung Dargestellte ist – jenseits schriftsprachlicher Zeichen – den Bedingungen der grafischen Umsetzung unterworfen. Anders gesagt: Ihre Größe ist aus dieser Sicht notwendig klein visualisiert und hervorgebracht wird damit tatsächlich eine spezifische Medienästhetik, deren Mikro-Formen einschließlich ihrer Formsprache und ihren subjektiven Transformationen auf der einen Seite ein „Außenhorizont des Verhaltens, Handelns und Kommunizierens“ und auf der anderen Seite ein „Innenhorizont des Erlebens, Empfindens und Wahrnehmens“ (Baecker 2005, S. 261) nicht nur zu-, sondern eingeschrieben bleibt.

Seit 2013 existiert für WhatsApp ferner die Push-to-Talk-Funktion, die es einem ermöglicht, durch das Drücken und Halten eines Buttons eine Sprachnachricht innerhalb der jeweiligen Chats aufzunehmen und zu versenden; zuvor war es bereits möglich, mit Smartphones außerhalb der App Memos aufzunehmen und sie innerhalb der App als Datei zu verschicken. Die Vereinfachung dieses Prozesses führte zu einer erhöhten Nutzung dieser Kommunikationsweise. Seither vermögen die Kommunikator*innen, miteinander verbal technisch zu interagieren, ohne tatsächlich miteinander zu telefonieren. Realisiert wird auf diese Weise gewissermaßen ein mobiler Anrufbeantworter. Das Ganze wird dabei jedoch erst dann zu einer Interaktion, wenn die/der Empfänger*in sich der Sprachnachricht bewusst ist; sie/er kann sich nur die Nachricht anhören, ohne direkte Einwände aussprechen zu können. Dies kann sich negativ auswirken, indem die/der Sender*in sich beispielsweise in Rage spricht und auf dieser Ebene die Pflicht zu Knappheit, Kürze und Kleinheit, wie sie die Short-Message-Kommunikation ursprünglich bedient, unterwandert. Gleichzeitig kann sich dies positiv auswirken, da die/der Sender*in in Ruhe aussprechen kann, was sie/er zu sagen hat und im Anschluss die/der Empfänger*in auf das Gesamtgehörte reagiert. Bei komplexen Gesprächsgegenständen hilft ggf. die Möglichkeit der wiederholten Anhörung.

Wird bei WhatsApp mithin der Kanal sowohl erweitert (qua Sprachnachrichten) als auch reduziert (qua technologischer Bedingung), handelt es sich aus medienästhetischer Sicht um eine sinnlich akzentuierte Kommunikationskombination: Verbale und visuelle Kommunikation werden einerseits entfaltet, andererseits miteinander verfaltet und dies in Schrift, Bild, Ton und auch Video. Über einen solchen Video-Anruf sehen und hören sich die Kommunikator*innen, sprechen miteinander, bemerken Körpersprache und Mimik, nehmen das Umfeld, den Ort, die Situation im Videoausschnitt war, können Bewegungen (Spaziergänge, Fahrten etc.) als Live-Stream begleiten. Die Beteiligten müssen lediglich auf Berührungen des Gegenübers verzichten und der Blickwinkel ist auf dem Weitwinkel der Kamera der*des Gesprächspartner*in begrenzt. Interaktion findet hier ab dem Moment statt, an dem die*der Angerufene den Video-Anruf wahrnimmt und dann entweder ignoriert, ‚wegdrückt’ oder annimmt. Auch die Kennzeichnung einer erfolgreich gesendeten Mitteilung mittels zweier grauer Pfeile sowie deren Auszeichnung als gelesene respektive gesehene Nachricht mittels blauer Einfärbung (was ihrerseits ausgeschaltet werden kann), erweisen einen solchen Grad an Handlungsoptionen. Jedes dieser Verhalten und Anzeichen teilt eine Reaktion mit und stellt Kommunikation her – weitestgehend sinnlich (unmittelbares Anfassen und Riechen/Schmecken sind – noch nicht möglich). WhatsApp-Kommunikation kann selbst, um es mit Luhmann auf den Punkt zu bringen (vgl. a. Luhmann 1990), nicht wahrnehmen; sie kann jedoch an demjenigen, was sie produziert, wahrgenommen werden; sie symbolisiert damit einen Gradmesser von Medienästhetisierung, der funktional abläuft und sich im Zuge dessen immer wieder entäußert. Die Konzentration auf ein zur Verfügung gestelltes Zeichenreservoir produziert Wahrnehmungen, die Kommunikation leiten.

WhatsApp bietet neben den direkten (persönlichen) Interaktionsmöglichkeiten zwei weitere Varianten an, um unpersönlich an alle Kontakte eine Mitteilung zu senden. Dabei unterscheiden sich diese in Anzeigedauer und -spektrum. Die permanente Status-Mitteilung ist auf wenige Zeichen reduziert und wird dauerhaft angezeigt; sie kann erneut als Hinweis auf das Mikroformatische von WhatsApp angesehen werden. Dazu können Smileys (mit-)verwendet werden. Allerdings ist eine mediale Einschränkung hier deutlich bemerkbar – auch da dieser Status selten gewechselt wird. Durch dessen permanente Existenz kann es auch geschehen, dass seine Aussage schließlich gewissermaßen verjährt, da vergessen wird, ihn zu ändern oder zu aktualisieren. Die Aussagekraft ist also je nach Pflege des Status zu einem hohen Grad unsicher. Allerdings handelt es sich dabei um die einzige WhatsApp-Funktion, die es der/ dem Empfänger*in erlaubt, für die/den Sender*in unbemerkt zu reagieren, weil kein Hinweis zurückgegeben wird, ob der Status von dem jeweiligen Kontakt gelesen wurde oder nicht. Demgegenüber ist die kurzweilige Status-Mitteilung, die 24 Stunden aufrechterhalten wird, oft von größerem Interesse für die jeweiligen Kommunikationskontakte. Hier werden Erlebnisse und Gedanken als Text, Bild oder Videomaterial (als Stories) geteilt, die keiner direkten Reaktion bedürfen, aber potenziell zu Antworten führen können, da man die Möglichkeit hat, unmittelbar zu kommentieren, sodass eine Interaktion wahrscheinlicher wird. Die/der Sender*in kann einsehen, wer diese Art Meldung rezipiert hat und daraus ihrer-/seinerseits Rückschlüsse ziehen. Allerdings hat dieser Status wiederum explizit eine begrenzte Fassungsmöglichkeit. Das Interesse daran, zu erfahren, ob die eigene (in miniatisierten Versatzstücken gezeigte und oft mit kleinen Andeutungen versehene) Botschaft mindestens abgerufen (wahrgenommen, bemerkt) worden ist, unterstreichen auch hier, wie sehr Medien nach wie vor nicht nur Botschaften übertragen, sondern eine „Wirkungskraft“ entfalten, „welche die Modalitäten unseres Denkens, Wahrnehmens, Erfahrens, Erinnerns und Kommunizierens prägt“ (Krämer 1998, S. 14).

 

Formatierung und Formalisierung

Festzuhalten ist, dass bei WhatsApp als Erscheinung in einer langen Reihe von Kommunikationsmedien (Kittler 1993) jene Axiome der zwischenmenschlichen Kommunikation wenigstens auszumachen sind. Auch wenn hier geschwiegen wird, wenn nicht geantwortet wird, bleibt es nicht möglich, nicht zu reagieren. Allerdings ist es je nach gewählter Funktion schwieriger, etwa den Beziehungsaspekt mit der ggf. notwendigen Komplexität an Metainformationen zu kommunizieren. Daher ist heute für die und in der Online-Kommunikation essenziell, sich nicht nur all der unterschiedlichen Kommunikationsweisen der Medien bewusst zu sein, sondern jene auch medienästhetisch bewusst zu wählen. Die Entscheidung sollte, lapidar gesagt, nach wie vor für die jeweiligen Gesprächsgegenstände und -situationen angemessen sein. Allerdings handeln Kommunikator*innen auch im Fall von WhatsApp in der Regel aus Gewohnheit und neigen denn auch dazu, einen sinnvollen Medienwechsel (etwa zur Vermeidung von Missverständnissen) im richtigen Moment zu verpassen. Bleiben bei WhatsApp analoge und digitale Modalitäten unterschiedlich ausgeprägt, stehen bestimmte Symptome ggf. im Vordergrund, wie im Fall der Videotelefonie (Held 2020) entsprechend möglich werdende Signale. Auch die Wahl eines signifikanten Profilbildes erzeugt im Übrigen Hinweis- und Nutzungsreize dieser Mikro-Kommunikation. Eine Medienästhetik, die eine Theorie der Wahrnehmung unter den Bedingungen von Medien und von Kommunikation installiert, versteht WhatsApp letztendlich im Licht bestimmter Konstruktionsangebote sowie von Sinn- und Sinnlichkeitsgestaltungen, die Lebenswelten und Weltsichten interessieren (vgl. kritisch Imort et al. 2009). Bei jenem medienästhetischen Imperativ, der jedwedem medialen, rezeptiven wie produktiven Medienumgang, welcher Formatierung und Inhaltlichkeit auch immer, zugesprochen worden ist (Röll 2003, S. 51), handelt es sich im Fall von WhatsApp aber nicht um eine kommunikative Einladung, als vielmehr um ein Geheiß: Den Nutzer*innen wird nahegelegt, die eigene Kommunikation (voll)ständig dem Formalisierten anheimzustellen.

 

Literatur

Baecker, D. (2005). Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Bühler, K. (1934). Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Gustav Fischer.

Churkina, K. (2015). Wie neue Medientechnologien unser Kommunikationsverhalten verändern. Kommunikative Erreichbarkeit mittels Mobile Messaging am Beispiel WhatsApp– Freude oder Belastung? kommunikation.medien, Sonderausgabe: Change – Wandel der Leitmedien, o. S.

Crick, N. A. & Dodge, K. A. (1994). A review and reformulation of social information-processing mechanisms in children’s social adjustment. Psychological Bulletin, 115, 74–101.

Dodge, K. A. (1991). Emotion and social information processing. In J. Garber & K. A. Dodge (Hrsg.), The development of emotion regulation and dysregulation (S. 159–181). Cambridge: Cambridge University Press.

Döring, N. (2003). Sozialpsychologie des Internet, Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Grippen (2. Auflage). Göttingen: Hogrefe.

Goetz, R. (2003). Abfall für alle. Roman eines Jahres. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Graubner, H. (1977). „Mittelbarkeit“ und „Lebensgefühl“ in Kants ‚Kritik der Urteilskraft’. Zur kommunikativen Bedeutung des Ästhetischen. In F. A. Kittler & H. Turk (Hrsg.), Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik (S. 53–75). Frankfurt M.: Suhrkamp.

Hartmann, T. (2004). Computervermittelte Kommunikation. In R. Mangold, P. Vorderer & G. Bente (Hrsg.), Lehrbuch der Medienpsychologie (S. 673–693). Göttingen: Hogrefe.

Hartmann, M. & Krotz, F. (2018). Online-Kommunikation als Kultur. In W. Schweiger & K. Beck (Hrsg.), Handbuch Online-Kommunikation (S. 234–256). Wiesbaden: Springer VS.

Heilmann, T. A. & Schröter, J. (2017). Medien verstehen. Marshall McLuhans Understanding Media. Lüneburg: meso

Held, T. (2020). Face-to-Interface. Eine Kultur- und Technikgeschichte der Videotelefonie. Marburg: Büchner.

Imort, P., Müller, R. & Niesyto, H. (2009). Medienästhetik in Bildungskontexten. München: kopaed.

Kaspar, K. (2016). Whom to blame and whom to praise: Two cross-cultural studies on the appraisal of positive and negative side effects of company activities. International Journal of Cross Cultural Management, 16(3), 341–365.

Kittler, F. A. (1993). Geschichte der Kommunikationsmedien. In J. Huber & A. Martin Müller (Hrsg.), Raum und Verfahren: Interventionen (S. 169–188). Frankfurt a. M.: Stroemfeld/ Roter Stern.

Krämer, S. (1998). Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Luhmann, N. (1990). Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Röll, F. J. (2003). Pädagogik der Navigation. Selbstgesteuertes Lernen durch Neue Medien. München: kopaed.

Ruf, O. & Schaffers, U. (2019). Kleine Medien. Kulturtheoretische Lektüren. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Ruf, O. (2018a). Ästhetische Mobilität oder: Smartphone-Kultur. In O. Ruf (Hrsg.), Smart- phone-Ästhetik. Zur Philosophie und Gestaltung mobiler Medien (S. 9–12). Bielefeld: transcript.

Ruf, O. (2018b). Smartphone-Theorie. Eine medienästhetische Perspektive. In O. Ruf (Hrsg.): Smartphone-Ästhetik. Zur Philosophie und Gestaltung mobiler Medien (S. 15–31). Biele- feld: transcript.

Ruf, O. (2018c). Medientaktilität. In G. Schweppenhäuser (Hrsg.), Handbuch Medienphilosophie (S. 191–199). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Ruf, O. & Matt, M. (2017/18). Die GIF-Erzählung. Medientheorie und Gestaltungspraxis einer digitalen Bewegtbildform. Jahrbuch immersive Medien, S. 36–48.

Ruf, O. (2016). Welche Theorie sollen wir lesen? Kittler im Kanon-Spiegel. In S. Neuhaus & Schaffers (Hrsg.), Was wir lesen sollen. Kanon und literarische Wertung am Beginn des 1. Jahrhunderts (S. 79–98). Würzburg: Königshausen & Neumann.

Ruf, O. (2015a). Nietzsches Finger. Medienarchitekturen digitaler Kulturtechnik. In R. Reschke (Hrsg.), Nietzsches Architekturen des Wissens (S. 43–58). Berlin: de Gruyter.

Ruf, O. (2015b): Wischen. In H. Christians, M. Bickenbach & N. Wegmann (Hrsg.), Historisches Wörterbuch des Mediengebrauchs (S. 641–652). Köln, Wien & Weimar: Böhlau. Ruf, O. (2014/15). Haut und Design. Gestaltungs-Ästhetik. Ästhetik & Kommunikation, 164/165, 85–93.

Ruf, O. (2014a). Wischen und Schreiben. Von Mediengesten zum digitalen Text. Berlin: Kadmos.

Ruf, O. (2014b). Die Hand. Eine Medienästhetik. Wien: Passagen.

Schnell, R. (2000). Medienästhetik: Zur Geschichte und Theorie audiovisueller Wahrnehmungsformen. Stuttgart: Metzler.

Statista (2020). Aktive Nutzer von WhatsApp weltweit. Abgerufen am 05.06.2020 von https:// de.statista.com/statistik/daten/studie/285230/umfrage/aktive-nutzer-von-whatsapp-welt- weit

Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (2017). Menschliche Kommunikation. For- men, Störungen, Paradoxien (13. Auflage). Bern: Hogrefe.


Mikro-Kommunikation. Überlegungen zu einer Medienästhetik von WhatsApp

Von Oliver Ruf

Zusammenfassung

Texte in den Sozialen Medien sind oft voller Rechtschreibfehler. Das ist kein Zufall und auch nicht nur äußeren Einflüssen geschuldet wie Zeitmangel und Umständlichkeit, die durch die Autokorrektur kaum mehr ins Gewicht fallen. Vielmehr wird mit diesem Mittel absichtlich der Lesefluss verlangsamt und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gebunden. Der Text gewinnt auf diese Weise je nach Absicht an (vermeintlicher) Tiefe, an Humor oder lyrischer Qualität.

 

ich liebe „klassische musik“ sie ist so lustig manchmal und wirklich arg und wundervoll einfach

ist einfach musik von irgendwann die keinen strom hatten

(Puneh Ansari auf Facebook, 11.3.2017)

 

Die folgenden Überlegungen nehmen Texte in den Blick, die im Internet entstehen, genauer: in den Sozialen Medien. Posts auf Facebook, Tweets auf Twitter, aber auch Forenbeiträge werden als Mikrotext-Formate bezeichnet. Sie zeichnen sich zuerst einmal durch ihre Kürze aus, sind aber zugleich dadurch charakterisiert, dass sie den Leser*innen stets in einer schier unüberblickbaren und nicht kuratierten Masse angezeigt werden, eben in einem Forum oder einem Feed. Sie stehen nie für sich alleine, befinden sich stets in aufmerksamkeitsökonomischer Konkurrenz zu anderen Texten selbigen Formats von anderen Urhebern. Im Besonderen will ich die Eigentümlichkeit dieser Mikrotexte in den Blick nehmen, dass sie häufig einen bewusst eigenwilligen Umgang mit Grammatik und Satzbau erkennen lassen. Die Gründe und Motive dafür sind, je nachdem, ob es sich etwa um eine alltägliche Beobachtung, ein politisches Statement, impulsive Empörung oder einen humoristischen Einwurf handelt, jeweils unterschiedliche. Doch lässt sich das Phänomen, wie ich im Folgenden zu zeigen versuchen werde, auch aus der Eigendynamik des Formats selbst erklären.

Die österreichische Autorin Puneh Ansari (2017) bleibt uns eine Erklärung schuldig, warum sie in ihren Texten, die sie auf Facebook veröffentlicht und die in einer Auswahl unter dem Titel Hoffnun’ im Februar 2017 im mikrotext-Verlag Berlin erschienen sind, bei Substantiven, die auf -ung enden manchmal das g weglässt und durch einen Apostroph ersetzt. Es klingt nach erkältetem Kind. Nase verstopft, Nasale unmöglich, nach uneingeschränktem Mitteilungsbedürfnis nichtsdestotrotz. So befremdlich es auf den ersten Blick scheint, vertraut kommt es einem aus amerikanischem Slang vor: These boots are made for walkin’. Das passt auch dazu, dass die 1983 geborene Wiener Autorin Ansari Worte aus dem Englischen, dem Wienerischen und die Eigenheiten der Autokorrektur wild durcheinander mischt. Ansaris bevorzugtes Thema sind Tiere, die beinahe schon Fabelwesen sind, so selbstverständlich sind sie durch die menschliche Vorstellungskraft hindurchgegangen und als niedliche Comichelden auf der anderen Seite wieder herausgekommen. „Ich liebe Huskys“ schreibt sie in einem der kurzen, poetischen Texte, aus denen das Buch besteht. „Ihr Fell ist so schmuckfrei de luxe ihre Augen sind so schoarf & hot“, es erinnert sie an „Elchporridge zum Breakfast aus Alugeschirr“.

Dass Puneh Ansari ein Apostroph an Orten verwendet, an denen man es nicht vermuten würde, wirkt aus der Zeit gefallen. Es irritiert, weil es Satzzeichen im Internet eigentlich besonders schwer haben. Kommata und Punkte werden äußerst gerne weggelassen, von Semikola und eben Apostrophen ganz zu schweigen. Dank der Wörter vervollständigenden Autokorrektur kommt es nicht vor, dass einzelne Buchstaben fehlen – und kaum jemand fühlt sich verpflichtet, eine Lücke mithilfe eines Apostrophs zu ihrer Rechtmäßigkeit zu verhelfen. Im Gegenteil, ich habe selbst einmal einen Freund darauf angesprochen, ob er nicht in Betracht ziehen wolle, auf die Verwendung von Apostrophen in seinen Facebookposts zu verzichten. Wer auf korrekte Zeichensetzung besteht, muss damit rechnen, dezidiert bildungsbürgerlich und pedantisch zu wirken. Oder pikiert: Ein anderes Mal chattete ich mit einem Freund und setzte – so wie es sich gehört – einen Punkt ans Satzende, woraufhin er mich prompt fragte, ob ich sauer sei? Es hat also etwas doppelt Trotziges, etwas unerwartet Hochkulturiges, wenn bei Ansari dieses kleine Highbrow-Häkchen über der Lowbrow-Lücke schwebt.

Warum wird im Internet so gerne „falsch“ geschrieben? Einige Motive liegen auf der Hand: Man will gewährleisten, dass die Texte eine größtmögliche Authentizität ausstrahlen, und wenn es sich um einen impulsiven Text handelt, darf er ruhig auch so aussehen wie im Affekt geschrieben. Dies ist insbesondere deshalb von Belang, da ein solcher Mikrotext immer auch mit Texten konkurriert, die ,fake‘ sind, also aufgebauscht oder aufgrund niederer Motive frei erfunden, und daher selbst in Zweifel steht. Handelt es sich um eine Meinungsäußerung, wird durch die sprachliche Form oft auch eine Opposition zum etablierten Schreiben, beispielsweise zu Meinungs- und Leitartikeln oder auch Rezensionen der überregionalen Zeitungen, unterstrichen. Gerade in den Sozialen Medien will man daher nicht ,aufgesetzt‘ und ,von oben herab‘ dozierend wirken, beidem haftet etwas Altmodisches und Onkeliges an. Darüber hinaus bilden die Sozialen Medien wie ihr Name sagt eine dialogische Situation. Die Leser*innen werden mitunter direkt angesprochen; sie können (und sollen) direkt auf den Text reagieren, indem sie ihn kommentieren, liken oder (in einem Forum) upvoten. Daher gibt es eine Tendenz, so zu schreiben, wie man spricht, bzw. so zu schreiben, dass es sich liest, als würde man so sprechen – der amerikanische Literaturwissenschaftler Walter J. Ong, (1987) prägte dafür in den Achtzigerjahren den Begriff der sekundären Oralität, der durch das Aufkommen des Internets neue Relevanz erhielt. Wurde Wissen in schriftlosen Gesellschaften rein mündlich überliefert, gibt es in der unsrigen, schriftbasierten Wissenskultur neue Formen der Überlieferung und des Austausches, die zwar schriftlich festgehalten und versendet und geteilt werden, dabei aber auch die Qualität des Vorläufigen und Aktualitätsbezogenen beibehalten, die eigentlich der Oralität zu eigen sind. Der Wunsch nach Unverbindlichkeit kann als weiterer Beweggrund identifiziert werden, warum wissentlich auf Rechtschreibung verzichtet wird. Ist ein Statement mit Rechtschreibfehlern gespickt, wird man sich lächerlich machen, wenn man es als Leser*in zu ernst nimmt. Dass ein Facebookpost improvisiert, beiläufig und letztlich undurchdacht ,aussieht‘, weil er eben stilistisch und orthografisch nicht ins Reine gebracht ist, macht den Schreibenden auf gewisse Weise immun gegen Kritik. Nicht immun jedoch gegen Widerworte, die in der gleichen Weise formuliert sind – auf diese Weise kann man als Schreibender eine Welle der Aufmerksamkeit oder Empörung lostreten, eine hitzige Debatte in Gang bringen, ohne sich (so zumindest die Hoffnung) voll und ganz für die eigenen gewählten Worte verantworten zu müssen.

Dass man mit Rechtschreibfehlern selbst Reichweite im Internet erzielen kann, dafür steht exemplarisch die Werbestrategie der Selbstbedienungscafé-Kette Starbucks. Die Angestellten nehmen die Bestellung entgegen und schreiben den Vornamen des Kunden auf den Pappbecher, den dieser dann nach Aufruf seines Namens abholen kann. Das zwar vom Konzern nie offiziell bestätigte, aber weitverbreitet als solches wahrgenommenes Kalkül besteht nun darin, dass die Kunden ein Foto von ihrem (absichtlich) vollkommen falsch geschriebenen Vornamen in den Sozialen Medien posten, und zwar natürlich mit dem bekannten Starbucks-Logo zentral im Bild. Auf diese Weise erhält Starbucks unbezahlte Werbung, die in den Sozialen Netzwerken von den im Scherz empörten oder schlicht amüsierten Kunden freiwillig gestreut wird.

Eine weitere Erklärung, die gerne ins Feld geführt wird, weil sie naheliegend ist, besteht daraus, dass gesagt wird, Texte im Internet entstehen oft unter Zeitdruck, von unterwegs. Man ,postet noch schnell was‘ während man auf den Bus wartet und weiß, dass andere dies lesen, während sie auf Busse warten. Schon alleine deshalb, aus ganz praktischen Gründen also, gibt man nicht so sehr acht auf die richtige Schreibweise. Das ist sicherlich richtig. Damit wäre die orthografische Eigenwilligkeit aber nur ein unbeabsichtigtes Zufallsprodukt, ein Kollateralschaden im Eifer des Gefechts. Mir scheint aber noch eine andere Absicht dahinterzustecken, man könnte sagen, sogar eine gegenteilige. Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung für das Falsche, das Unübersichtliche, das Irritierende. Und diese Entscheidung wird nicht etwa aus dem Grund getroffen, dass man selbst keine Zeit hätte, sondern weil man vielmehr die Zeit der anderen, der Leser*innen, binden will.

Irritationen stören den Lesefluss, lenken automatisch die Aufmerksamkeit auf den Text. Dies ist von ganz herausragender Bedeutung für Texte, die mit anderen Texten in direkter Konkurrenz stehen: Der/die Leser*in scrollt schließlich durch die Beiträge verschiedenster anderer User, die der Algorithmus ungeordnet in seinem Feed zusammenstellt. Eigenwillige Orthografie, ein Satz, der mangels Satzzeichen unübersichtlich ist und nicht auf den ersten Blick verständlich, schafft es eben, dass der „Blick hängenbleibt“. Schließlich steht jeder noch so kleine Post oder Tweet in direkter Konkurrenz zu unzähligen, gleichzeitig verfassten anderen. Das Lesen in den Sozialen Medien besteht meist aus einem ziellosen ,Herumscrollen‘, also dem Überfliegen auf der Suche nach etwas, das lesenswert oder interessant ausschaut. Dieses Lesen ist zugleich ein ständiges, rasantes Bewerten. Die Irritationen lenken die Aufmerksamkeit auf die Textlichkeit selbst. Ob das schlicht stört oder aber eine entweder humoristische oder poetische Qualität bekommt, war vermutlich schon seit Erfindung der Schrift eine Frage, die nur von Fall zu Fall entschieden werden kann. Auf die Spitze getrieben, verlangsamt es das Lesen so sehr, dass es fast zu einem Dechiffrieren wird. Dies lässt sich auf der bekannten Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ beobachten. Kaum ein Wort ist da richtig geschrieben, wie schon der fehlerhafte Name der Seite anzeigt. Willy Nachdenklich (n. d.), so nennt sich der Autor, persifliert erbauliche Weisheiten, indem er Stockfotos mit Sprechblasen versieht, oder blödelt einfach drauflos, wie zum Beispiel an Ostern dieses Jahres: „Lasagne habem Wischensaftler gerätselt was es mit den Eiern an Osten auf sich hat, bis 1 Zeitzeuge Licht in Dunkeln gebracht hat. Berichten zun Folge hat Jesus Christof in 1 Höhle respawnt in dem vermutlich der heiligen Geist 1 Ei gelegt hat aus den Jesus dann geschlüpft ist um wieder aufzuerstehen.“ Im Kommentarbereich führen die mehr als 339.000 Fans der Seite diese Art zu schreiben fort. Einzelne orthografische Eigentümlichkeiten, die im Internet entstanden sind – anstelle von „eins“ und „einer“ die Zahl 1 zu setzen zum Beispiel –, haben einen neuen Standard hervorgebracht, der wiedererkennbar ist und auch von anderen Akteur*innen außerhalb der Sozialen Medien aufgegriffen wird. Statt „von“ wird „vong“ geschrieben – von dem Buchstaben G scheint, wie bei Puneh Ansari auch, eine gewisse Faszination auszugehen.

Dass es sich um eine bewusste Gestaltung (oder Verunstaltung) der korrekten Sprache handelt, lässt sich schon daraus ersehen, dass heute ein Mehraufwand betrieben werden muss, um Worte falsch zu schreiben oder um ungebräuchliche Wendungen zu wählen. Durch die Fortschritte in der KI-gestützten Korrektur braucht man oft nur wenige der ersten Buchstaben zu tippen, dann wird das Wort (natürlich fehlerfrei) automatisch vervollständigt.

Inwiefern sich das spielerische Texten im Internet verändert aufgrund der sich verändernden Technologien, die dem zugrunde liegen, lässt sich exemplarisch zeigen an dem 2010 erschienenen Roman A Visit From The Goon Squad. Im letzten Kapitel schreibt Lulu, eine junge Frau Anfang 20, die in der Musikindustrie arbeitet, man würde sagen, sie ist ein typischer „Millenial“, lauter SMS, die voller Abkürzungen sind. Die Autorin Jennifer Egan (2012) extrapoliert dabei von der in den Nullerjahren viel verwendeten Abkürzungen: „hast 1 nettN dad, kl1“ schreibt sie zum Beispiel an ein Kleinkind, das mit dem Handy seines Vaters spielt, während sie mit ihm flirtet.[1] Heute werden – abgesehen davon, dass auch SMS von Nachrichtendiens- ten wie WhatsApp und Telegram zunehmend in den Hintergrund gerückt worden sind – Worte tendenziell ausgeschrieben, da erstens die Worte von der Autokorrektur vervollständigt werden und zweitens auch die Zeichenbeschränkung und finanzielle Kosten von längeren Texten weggefallen sind. Die Abkürzung, sofern sie sich nicht im Sprachgebrauch durchgesetzt hat, wäre umständlicher als die Ausschreibung.

Besonders stark fällt diese Leseverlangsamung ins Gewicht, wenn man dem Text seine Impulsivität ansieht, wenn er aus aufgeschriebener wörtlicher Rede besteht, sekundärer Oralität. Dann drängt der Text vorwärts, ohne dass die Leser*innen den Sinn in angemessener Geschwindigkeit nachvollziehen könnten. Um meinen persönlichen Leseeindruck zu umschreiben: Es ist, als hört man eine heruntergepitchte Sounddatei. Es ist Text, der (zumindest dem Empfinden nach) schneller geschrieben worden ist, als er lesend verstanden werden kann. Auf eine Formel gebracht: In Bezug auf die Fließgeschwindigkeit gilt Schreibfluss > Lesefluss. Es ließe sich da ein allgemeiner Trend ausmachen, dessen Dimensionen aber den Rahmen dieses Essays sprengen: Die Aufbereitungs- bzw. Verarbeitungszeit von Information verlagert sich zunehmend vom Sender zum Empfänger. Wer kennt es nicht: Man bekommt auf Whats- App oder einem anderen Dienst eine Sprachnachricht, die man sich in ganzer Länge anhören muss, um an die Information heranzukommen, auf die man wartet. Ganze zwei Minuten sitze ich dann manchmal da und muss mir anhören, was ich in nur zwei Sekunden hätte lesend erfassen können, hätte sich die liebe Verwandtschaft zwei Minuten lang hingesetzt, um ihre Nachricht zu schreiben …

Die absichtliche Verlangsamung des Leseflusses ist aber bei Weitem kein neues Phänomen. Texte wurden immer schon durch Format (und Formatierung) ,verlangsamt‘. Dies gilt insbesondere für lyrische Texte, die oft schon durch ihre visuelle Gestaltung und Strophenform dem ,Fließtext‘ eine Absage erteilen und stattdessen zum kontemplativen, geruhsamen Lesen einladen. Ein Gedicht soll ja nur in seltenen Fällen heruntergerattert oder -geleiert werden. Doch auch über die Sprache selbst lässt sich eine Verlangsamung erzielen, die der Text verlangt. Die sogenannten Apophthegmata Patrum, eine Spruchsammlung der Wüstenväter – der ersten christlichen Eremiten und Mönche in der ägyptischen Wüste  ab dem 4. Jahrhundert nach Christus – können dafür ein greifbares Beispiel abgeben. Bei den Sprüchen handelt es sich um kurze Erzählungen, oft nur wenige Sätze umfassend, die meist der Struktur folgen, dass ein jüngerer Mönch zu einem älteren, einem ‚Abbas‘ (daher das deutsche Wort ‚Abt‘) wandert oder auch zu einer Amma, denn auch Frauen zogen sich damals in die Wüste zurück, und ‚um ein Wort bittet‘, also um eine weise Einschätzung  einer ethisch problematischen Situation oder um Hilfe bei Fragen der Lebensführung. Es versteht sich von selbst, dass weise Worte eher gemächlich gelesen werden wollen. Und so entscheidet sich der Übersetzer Erich Schweitzer (2012) auch ganz folgerichtig für eine nahezu interlineare Übersetzung – d. h., der Satzbau des Altgriechischen wird, so gut es geht, im Deutschen beibehalten, was dem deutschen Text seine Selbstverständlichkeit und Eingängigkeit nimmt. „Der Text ist sperrig, wie ja die Sache auch, der Leser wird daher manchmal stocken, was jedoch durchaus nicht schadet“ (S. 13). Leseverlangsamung zielt darauf ab, dass die Leser*innen den Text in seiner ganzen Tiefe begreifen und auf sich wirken lassen können (was auch bedeutet, und für diese Erkenntnis braucht man kein spätantiker Mönch zu sein, dass man auf diese Weise versuchen kann, einen Text tiefgründiger wirken zu lassen als er ist).

Ich möchte meine These abschließend wiederholen: Es mag viele Gründe geben, warum in den Sozialen Medien besonders sorglos oder spielerisch mit den Regeln der deutschen Sprache umgegangen wird. Das Motiv, dass damit der Lesefluss verlangsamt und Zeit gebunden werden soll, auch wenn dies oft implizit oder unbewusst geschieht, wird dabei oft übersehen. Es handelt sich nicht nur um Fehlerhaftigkeit und Mängel, die den Umständen geschuldet wären, also „zu entschuldigen“ seien. Vielmehr handelt es sich um eine sinnvoll zum Einsatz gebrachte, oft mit großer Kreativität verbundene Technik. Diese kann, wie im Falle der Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“, lediglich satirischen Anspruch haben, oder wie im Falle von Autor*innen wie Puneh Ansari zu interessanten, zu sehr treffsicheren Gegenwartsbeobachtungen führen.

 

Anmerkung

[1]Sogar die Sparkasse hat das in einer Werbekampagne für sich einnehmen wollen („1 gute Bank vong Vorsorge her“), was im Internet natürlich mehr auf Gelächter denn auf Zustimmung stieß.

 

Literatur

Ansari, P. (2017). Hoffnun’. Berlin: Mikrotext Verlag.

Apophthegmata Patrum (Teil I). Das Alphabetikon – Die alphabetisch-anonyme Reihe (2012). Hrsg. von Erich Schweitzer. Beuron: Beuroner Kunstverlag.

Egan, J. (2012). Der größere Teil der Welt. Aus dem Englischen von Heide Zeltmann. Frankfurt a. M.: Schöffling & Co.

Nachdenklich, W. (n. d.). Nachdenkliche Sprüche mit Bilder [Facebookseite], Abgerufen am 10.6.2020 von https://www.facebook.com/WillyNachdenklich/

Ong, W. J. (1987). Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Opladen: Westdeutscher Verlag.