REZENSION: Poesie, Heimat und Politik. Theater Willy Praml

Von Kristin Westphal

Wolfgang Schneider (Hrsg.): Poesie, Heimat und Politik. Theater Willy Praml. Berlin: Theater der Zeit 2024.

Die gegenwärtige Auseinandersetzung mit ländlichen Räumen im Kontext Kultureller Bildung durch und mit Theater findet ihre ersten Anfänge in einer Zeit der Umbrüche, wie sie in den 1950er-Jahren bereits vorgezeichnet waren. Einher ging dies z.B. mit Landflucht und für etliche Zurückgebliebene mit der Aufgabe von Selbstständigkeit und Pendlerdasein. Willy Praml gehört zu jenen Theatermacher*innen, die zur Entwicklung in den 1970er und 1980er Jahren beigetragen haben, Theater in ländliche Räume zu tragen, Spurensuche zu betreiben, neue theatrale Formen zu erproben und die Spannungsverhältnisse an den Orten in historischer, politischer und kultureller Perspektive aufzugreifen. Eine Herausforderung für ein Dorf-Theater als Kulturarbeit lag dabei in der Beteiligung von Ortsansässigen, denen ermöglicht werden sollte, einen anderen Blick auf ihr Dorf, auf ihre Herkunft, auf ihre kulturellen Praktiken und Lokalgeschichten und auf die eigene Situation insbesondere für Jugendliche zur Frage „Abhauen oder Bleiben?“ zu erfahren.

Der von Wolfgang Schneider herausgegebene Band gibt einen umfassenden dokumentarischen Einblick in die Arbeit und Stationen des Theater Willy Praml bis heute. Er bezeichnet dieses Theater in einem Vorwort als „ein Modell der deutschen Theaterlandschaft, das seit mehr als 50 Jahren die permanente künstlerische Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit pflegt“ (11). Namhafte Autor*innen und Wissenschaftler*innen reflektieren in Gestalt von fünf Akten sowie einem Zwischenspiel, einem Prolog und einem Epilog nicht nur das Dorftheater unter der Regie von Willy Praml als Ort des Erinnerns und der Wahrnehmung des Politischen, „das als künstlerische Herausforderung schon früh Akzente späterer Bürgerbühnen zu setzen weiß“ (11). Auch wird ein Einblick gegeben in die Anfänge eines Lehrlingstheaters, Theaterarbeit mit Migrant*innen sowie umfänglichen Projekte in öffentlichen urbanen und ruralen Räumen. Einen weiteren Raum nimmt die Gründung des freien Theaters Willy Praml ein (inzwischen unter der künstlerischen Leitung von Michael Weber), die mit der Besetzung der NaXoshalle in Frankfurt am Main einherging. Und nicht zuletzt werden die Etablierung des Studio NAXOS und die daraus hervorgehenden Impulse und Perspektiven für die nachwachsende freie Szene als Produktionshaus für auch Tanz, Musik, Performance und Installationskunst beschrieben. Angereichert ist der ansprechend gestaltete Band mit zahlreichen Abbildungen, die allein schon unter ästhetischen Gesichtspunkten interessant sind – zeigen sie doch, wie sich dieses Theater über die Zeit gewandelt hat. Poesie, Heimat und Politik sind die Schlagworte für den Titel, die das zu umreißen suchen, was es in fünf Jahrzehnten zu dokumentieren galt. Empfehlenswert ist dieser Band nicht nur für Theaterschaffende, die diese Zeit selbst erlebt haben, sondern auch für die jüngere Generation. Er wirft die Frage auf, welches Verständnis von Heimat und Politik und Poesie unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen gerade in diesen Zeiten es weiterzudenken gilt.


REZENSION: Poesie, Heimat und Politik. Theater Willy Praml

Von Kristin Westphal

Unbestritten dürfte sein, dass der Stimme in pädagogischer wie auch künstlerischer Hinsicht eine zentrale Rolle zukommt. So fungiert sie nicht allein als Träger von Information, sondern hat in ihrer Sinnlichkeit und Materialität einen bedeutsamen Anteil an Kommunikation. Jede Stimme ist einzigartig und unverwechselbar. Sie ist mit dem Hören und unseren Hörgewohnheiten verbunden. Für die Theater- und Performancearbeit ist die Stimme ein unverzichtbares Gestaltungsmittel, das als Medium und Material zu einem situativen, ereignishaften und atmosphärischen Geschehen beiträgt. Dennoch wird die Stimmbildung in der Ausbildung eher vernachlässigt. An diesem Defizit knüpft das interdisziplinäre Team aus Stimm- und Sprechbildung, Theaterpädagogik und -wissenschaft in einem zwei-jährigen Projekt „Fokus Stimme – ein Methodenset für die Theaterpädagogik“ (2024–2026) unter der Leitung von Matthias Dreyer an der Hochschule für Musik und Rostock an. Gefördert wurde es durch die Stiftung Innovation in der Hochschule.

Aus einer intensiven Recherche und Erprobung mit Studierenden ist ein umfangreiches Kartenset mit 94 Übungs- und Wissenskarten hervorgegangen, das sich verschiedenen Aspekten für eine Theaterarbeit mit Stimme widmet. So enthält die Kategorie „üben + wahrnehmen“ ein reichhaltiges Repertoire an Übungen zu Stimme und Sprechen, die sowohl Gruppen spielerisch anregen als auch einen Schwerpunkt auf die Wahrnehmung der eigenen wie auch fremden Stimme legen. Der Bereich „spielen + experimentieren“ versammelt Spielanlässe, die von Theater und Performance inspiriert sind und dazu anregen, künstlerisch mit Stimme zu agieren. Mit dem Set „Wissen“ werden wichtige Erkenntnisse zur Sprechstimme gegeben. Karten zur Kategorie „Material“ thematisieren Gestaltungsmittel und unter „Formen“ finden sich viele Spiel- und Übungsformate. Nicht zuletzt werden unter der Kategorie „Miteinander“ Anleitungen gegeben, die eine Zusammenarbeit unterstützen und zum Austausch anregen sollen. Die Karten zeichnen sich durch ein ansprechendes, klar strukturiertes Layout aus. Die Anleitungen auf den Karten sind genau und sprechen ihre Nutzer*innen direkt an. Beigelegt ist dem Methodenset ein Beiheft, das einen Überblick über die Breite und Hintergründe der aufbereiteten Themen einschließlich entsprechender Literaturempfehlungen gibt und Empfehlungen zum Umgang mit den Karten ausspricht. Darin heißt es, dass das vielfältige und praktische Arbeitsmaterial für alle konzipiert sei, die mit Stimme Theater machen wollen. In dieser Aufbereitung ist das Kartenset – gut in einem festen und stabilen Karton verpackt – einmalig und höchst aktuell. Es sollte an keiner Hoch/Schule fehlen! Das Kartenset steht unter www.tdz.de auch als Open Access online zur Verfügung.