feeling our way. Queer-feministische Räume des Affektiven und Pädagogiken des Verlernens

It isn’t sight. […] It’s scent. […] The scent won’t wash away or wear away. It’s part of them now. (Octavia Butler, Fledgling)

RYXPER1126AE affiziert mich, bevor ich von seiner Existenz weiß, durchdringt mich und wird ein Teil von mir; bevor ich den Wasserfall höre, der über die metallene Kante plätschert, eingebettet in Blöcken aus grauem Styropor, die den schummrigen, blaugrünlich beleuchteten Raum durchziehen; bevor ich die vier Bildschirme sehe, die halbtransparenten, von der Decke hängenden Banner und die Metallflasche, die den Duftstoff RYXPER1126AE enthält – bevor ich den musealen Raum betrete, der für die nächsten zwei Tage Ort des Lese-, Performance- und Schreibworkshops „Weird Read Intensive“ ist.[1] Der Duft, so erfahre ich später, ist die molekulare olfaktorische Manifestation der Performance YGRG159: SULK, der Künstler*innen Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė, Gründerinnen der Young Girl Reading Group (YGRG), welche sie 2018 auf der Athen-Biennale inszenierten.

SULK, ANXIETY, DESIRE – Missgunst, Angst, Verlangen – sind drei der affizierenden Worte, die in roter verzerrter Typografie auf weiße T-Shirts gedruckt sind, welche die Teilnehmenden zu Beginn des Workshops erhalten. Wir ziehen sie an, versammeln uns auf den Styroporblöcken, mit unseren Smartphones in den Händen. Wir wollen gemeinsam lesen. Über unsere digitalen mobilen Geräte teilen wir die von den beiden Künstlerinnen ausgewählten Texte. Aus Individuen formt sich eine Gruppe, in der sich alle gegenseitig vorlesen.

Fledgling ist ein Roman der Science-Fiction-Autorin Octavia Butler. Shori, die junge Schwarze Vampirin, lebt in Symbiose mit Menschen. Nach einem tödlichen Angriff auf ihre Familie ist sie die einzige Überlebende, hat ihr Gedächtnis verloren und muss neu lernen, sie selbst zu sein und eine Familie aufzubauen. Allein, orientierungslos, schmerzerfüllt, aber ohne andere Gefühle – „no other people, no other time, no other feelings“ – beginnt sie, sich suchend in die Welt zu fühlen – „feeling my way until I found coolness, smoothness, less pain“ (Butler 2007: 7).

Feeling our way. Gemeinsam lesen wir, jede*r nacheinander, hören einander zu. Wir fühlen uns hinein: in die Texte, die Narration, die Sprache, das gemeinsame Lesen, in den Raum, die Beziehungen zueinander, unsere Emotionen, unsere Körper, unsere technologischen Medien. Während des Lesens suchen wir neue Körperhaltungen, legen uns auf, über, neben die Blöcke, jemand liest im Kopfstand. In offenen Suchbewegungen lassen wir uns auf Unbekanntes und Ungewohntes ein.

The Weird and The Eerie – „a fascination for the outside, for that which lies beyond standard perception, cognition and experience“ (Fisher 2016: 8), so lesen wir bei Kulturtheoretiker Mark Fisher. Die Faszination für ein Jenseits gewohnter Wahrnehmungen und Erfahrungen eröffnet Räume für Ungewohntes und Unheimliches, Eigenartiges und Seltsames. Und wir fühlen uns hinein. Oder eher hinaus? Was wir lesen, zieht uns an, stößt uns ab, verlockt, fasziniert und beunruhigt: „Unflaggingly, like an inescapable boomerang, a vortex of summons and repulsion places the one haunted by it literally beside himself “ (Kristeva 1982: 1) – folgen wir den Worten der Literaturtheoretikerin Julia Kristeva auf unseren Smartphones.

SAND WITCH CRAFT – SCENT WHICH CRAFTS betiteln wir, als eine von drei Gruppen, den mithilfe unserer Smartphones und des webbasierten Texteditors Etherpad kollaborativ verfassten 94 Zeilen langen Text. Inspiriert von den am Tag zuvor gelesenen Texten assoziieren wir, beziehen wir uns schreibend aufeinander, auf Vampire und Hexen, soziale Medien und Popkultur. Dann inszenieren wir unseren Text für die Performance im Raum.

Aus Styroporblöcken bilden wir eine sternförmige Struktur und setzen uns zu fünft in einen Kreis. Eine Performerin filmt uns mit einer CCTV-Kamera, die ein schwarz-weißes, geisterhaft wirkendes Bild auf den zentral im Raum stehenden Bildschirm überträgt. Positioniert in unserer Mitte dokumentiert eine 360°-Kamera die Performance und verzerrt dabei Körper, Raum und Bilder. In verteilten Rollen lesen wir den Text von unseren Smartphones ab; über Mikrofone und Lautsprecher verteilt sich unser Gelesenes im Raum. Eine Performerin fungiert als Visual Jockey. Assoziativ sucht sie auf ihrem Laptop nach zum Text passenden Bildern und Videos, die in Echtzeit auf dem mittleren der drei Wandbildschirme erscheinen. Auf dem linken Screen übertragen wir unseren Schreibprozess mit der automatischen Timeslider-Funktion von Etherpad, auf dem rechten unseren Leseprozess mittels Übertragung des Smartphone-Displays einer Performerin. Die Rezipierenden bewegen sich frei durch den Raum.

Die Performance endet. Bald auch der Workshop. Was bleibt, ist RYXPER1126AE, der unverwechselbare Geruch, der sich tief in meinem Gedächtnis verankert hat, und das Gefühl, gemeinsam etwas gestaltet und verändert zu haben, und dabei selbst verändert zu sein.

All that you touch, / You Change / All that you Change, / Changes you. (Octavia Butler, Parable of the Sower)

Im gemeinsamen künstlerischen und kuratorischen Agieren sowie im kontinuierlichen Überschreiten und Verwischen von Praktiken – zwischen Zuhören und Lesen, Rezipieren und Agieren, Reflektieren und Performen, Wohl-fühlen und Unwohl-sein, Affizieren und Affiziertwerden – befinden wir uns als Teilnehmende in einem Prozess stetiger Wechselwirkungen und Veränderung.

Affektive Infrastrukturen – so könnten, mit Kulturtheoretikerin Lauren Berlant, diese vielfältigen und zutiefst verwobenen wechselseitigen Praktiken zwischen (nicht-)menschlichen Akteur*innen, Materialien, Infrastrukturen und Affekten beschrieben werden. Im Modus einer „pedagogy of unlearning“, einer Pädagogik des Verlernens, schlägt Berlant vor, „to build affective infrastructures that admit the work of desire as the work of an aspirational ambivalence“, mit dem Ziel, Infrastrukturen zu vergemeinschaften – „to common infrastructures“ (Berlant 2016: 414).

Ver-lernen und Ver-queeren. Zusammen mit Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė verlernen wir Gewohntes durch Begegnungen mit Ungewohntem: neue Texte, queer-feministische Sci-Fi-Narrationen, gemeinsames Lesen, Schreiben und Performen mittels Smartphones, die Erfahrung des kollektiven Materialisierens, Verräumlichens und Verkörperns von Sprache im Raum. Wir schaffen Räume für neue, mitunter widersprüchliche Affekte und Relationen. Die dabei entstehenden komplexen Beziehungen und Verschränkungen von Akteur*innen, Texten, (lesenden und zuhörenden) Körpern und technologischen wie räumlichen Infrastrukturen stellen binäre Machtstrukturen infrage und brechen dualistische, normative Hierarchien auf; Grenzen werden dabei zunehmend instabil. Als solche können diese Räume, Beziehungen und Handlungen als „queer/feministisch“ beschrieben werden, als queeres und feministisches Dekonstruieren und als Praktiken des „‚Verqueerens‘ machtvoller Dichotomien“ (Volkart 2018: 179).

Feministische Praktiken des Verqueerens finden dabei auf vier Ebenen statt: Erstens das Queeren fiktionaler Räume als ein Verqueeren normativer Narrationen wie bei Octavia Butler, zweitens das Queeren physischer Räume als ein gemeinsames Schaffen von offenen, flexiblen, pluralen Räumen, drittens das Queeren von Bildräumen als ein Verqueeren gewohnter Bilder und deren Produktion und viertens das Queeren von Technologien und Medienpraktiken als Verqueeren von vereinzelndem, solistischem Mediengebrauch im Sinne kollaborativer Praktiken des Inszenierens, Performens, Kuratierens via Smartphones.

Die Praxis des Kuratorischen ist hier ein kollektives, affektives, feministisches, verqueerendes Handeln im Raum: Mittels Pädagogiken des Verlernens fühlen wir uns hinein in queer-feministische Räume des Affektiven.

Anmerkungen

[1] Der performative Lese-Workshop mit Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė der Young Girl Reading Group fand am 5. und 6. Juli 2019 im NRW-Forum Düsseldorf statt. Er war Teil der Veranstaltung „Digital Imaginaries“, die initiiert wurde von der Akademie der Avantgarde in Kooperation mit dem Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität zu Köln, konkret von Kristin Klein, Nada Schroer und Annemarie Hahn. Online: https://www.nrw-forum.de/veranstaltungen/digital-imaginaries. Der vorliegende Beitrag nimmt Bezug auf den Workshop sowie den Bildessay „Essay on Abjection, 2019“ der beiden Künstler*innen, der im Buch Curatorial Learning Spaces erschienen ist (nur Print).

Literatur

Berlant, Lauren (2016): The commons: Infrastructures for troubling times*. In: Environment and Planning D: Society and Space. 34. Jg., Ausgabe 3, S. 393–419.

Butler, Octavia E. (2000) [1993]: The Parable of the Sower. New York: Grand Central Publishing.

Butler, Octavia E. (2005): Fledgling. New York: Grand Central Publishing. Fisher, Mark (2016): The Weird and the Eerie. London: Repeater.

Kristeva, Julia (1982): Powers of Horror. An Essay on Abjection. New York: Columbia University Press (European Perspectives).

Volkart, Yvonne (2018): Techno-Öko-Feminismus. Unmenschliche Empfindungen in technoplanetarischen Schichten. In: Sollfrank, Cornelia (Hrsg.): Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert. Wien: transversal texts, 167–202.

Von Magdalena Götz

Veröffentlicht am 6. Mai 2023

Zitiervorschlag

Götz, Magdalena: feeling our way. Queer-feministische Räume des Affektiven und Pädagogiken des Verlernens, in: Annemarie Hahn, Nada Rosa Schroer, Eva Hegge, Torsten Meyer (Hg.): Curatorial Learning Spaces. Kunst, Bildung und kuratorische Praxis, Zeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb 2023. Quelle: https://zkmb.de/feeling-our-way-queer-feministische-raeume-des-affektiven-und-paedagogiken-des-verlernens/; Letzter Zugriff: 29.05.2024