REZENSION: Zur Neuauflage der Publikation von Eva Sturm (2025): Im Engpass der Worte. Sprechen über moderne und zeitgenössische Kunst

Die Neuauflage der schon lange vergriffenen Publikation „Im Engpass der Worte“ von Eva Sturm ist, auch 30 Jahre nach deren Erstveröffentlichung, ein grundlegender Beitrag zur theoretischen Rahmung zeitgemäßer (personaler) Kunstvermittlung. Die Aufforderung zum Sprechen macht das Buch in aktuellen Bildungsdiskursen zur Grundlage für die Suche nach Bedingungen einer Bildungsgerechtigkeit, die Lernen und Erkenntnis als offenen, individuellen und unabgeschlossenen Prozess versteht, indem Denken und Sprechen zusammengeführt werden. Eva Sturm gehörte zu jenen Kunstvermittler*innen, die mit ihren Texten dem Feld der aktuellen Kunstvermittlung eine grundlegende und nach wie vor zukunftsweisende theoretische Rahmung gegeben hat. In den 1990er Jahren entstanden griff sie zunächst neue Impulse der kritischen Kunstvermittlung auf und publizierte das vorliegende Standardwerk ausgehend von ihrer Dissertation, die von dem Kunstpädagogen und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini betreut worden war.

Das Vorwort der Neuauflage wurden nun auch von ihm geschrieben. Er verdichtet darin die Kommunikationsansätze und -absichten der Autorin und skizziert das so eingefasste Sprechen in der Begegnung mit Kunst als einen „Einbruch von etwas Unartikulierbarem in individuelle und gesellschaftliche Komfortzonen des immer schon Gesagten.“ (S. 9, 10) Insofern legt er den Kern der Publikation offen, dass nämlich die Erweiterung vom und die Lust am Sprechen als „Unsägliche[s]“ verstanden werden kann, weil es in einem fordernden Engpass gründet.

In den acht Kapiteln des Buches geht es um das Sprechen von Kunst aus, was nicht zuletzt die metaphernreichen Überschriften des Inhaltsverzeichnisses deutlich machen. Diese sind etwa tituliert mit „Sprechen aus dem Riss“, „Verbale Erstbesteigungen“, „Erklär mir die Werke“, oder auch „Kreative[s] Stammeln“ und „Wer spricht?“. Diese Bezeichnungen lassen eine Folge von Überlegungen erwarten, die nicht nur das Sprechen über Kunst analysieren, sondern auch den Ort, wo dies geschieht, wer dort spricht/sprechen darf und vor allem welches Potenzial im Sprechen liegt. Der Text ist präzise, extrem klar formuliert und fordert gleichzeitig durch die Verdichtung von Gedanken zum mehrmaligen Lesen auf.

Zunächst wird der „Sprachraum Kunstmuseum“ analysiert ‒ Sturm nennt es den Rahmen ‒, indem in einem weiten Bogen, beginnend mit den „Versprechungen des Museums“ über den „Entwurf des Besuchers“ und die „(un)befugten Sprechenden“ bildungspolitische und historische Hintergründe der Institution Kunstmuseum sowie den Einsatz von Sprechen und Sprache offenlegt. Sie erkennt hier exemplarisch in Struktur und Historizität eine Einrichtung, die „Chancen, Widersprüche und Mechanismen des Diskursiven als reale und intrasubjektive Realitäten“ aufweist. (S. 16) Im zweiten Kapitel „Die Artikulation der Werke“ erläutert sie, was diese institutionell geprägte Struktur unterläuft – nämlich genau jene Objekte, die im Kunstmuseum präsentiert werden – die Kunstwerke. Im dritten Kapitel („Sprechen aus dem Riss“) befasst sich die Autorin mit all jenen, die an diesem Gefüge und an seiner Aufrechterhaltung beteiligt sind, die es nutzen, und definieren. Danach ist das sprechende Subjekt – und dessen verwendete Sprache – zentraler Bestandteil der Auseinandersetzung. So ist in den folgenden Kapiteln die Rede von „Verbalen Erstbesteigungen“ (4.), von „Der Frage der Frage“ (5.), vom Imperativ „Erklär mir die Werke“ (6.), um schließlich im siebten Abschnitt im „Kreative[n] Stammeln“ zu münden und die Publikation mit der Frage „Wer spricht?“ (8.) abzuschließen.

Durch eine künstlerische Arbeit von Susanna Morgenstern wird der Haupttext beendet (also nicht etwa in einem Schlusswort). Sie arbeitete damals an einem „Medien-, Denk- und Sprachprojekt“, in dem sie einen einzigen Begriff im öffentlichen Raum immer wieder anbrachte. Sturm erklärte ihre Publikation als einen solchen öffentlichen Raum und platzierte ein Wort von Morgenstern denn auch auf Seite 323 – dieses Wort lautet: „weiter“.

Für die Autorin waren Sprache und Sprechen in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken zentraler Teil ihres künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens. Sie beschreibt dies treffend als „Nadelöhr“, das gerade angesichts von (zeitgenössischen) Werken jene Ambivalenz der „Not und Lust des Sprechens“ gleichermaßen spürbar werden lässt (S. 11). Exakt diese Verengung erklärte Eva Sturm zum Eingangstor. Damit positionierte sie ihre Vorstellung von Kommunikation deutlich als Gegenteil eines pseudoneutralen sprachlichen Gerüstes, das kunsthistorisches Wissen als unumstößlich manifestiert. Sie geht deshalb auch nicht von ununterbrochener Rede als Vortrag aus, sondern vielmehr von (fruchtbaren) Hindernissen, Blockaden und einem Dialog, der Denken und Reflektieren lustvoll ermöglicht.

Sie bezog sich dabei neben Jaques Lacan u.a. auf Gilles Deleuze, Pierre Bourdieu, Judith Butler, Roland Barthes, Irene Below, Michel Foucault, Maurice Merleau-Ponty oder eben auch auf Karl-Josef Pazzini. Den Bezug zu Lacan und Deleuze vertiefte sie schließlich in ihrer 2009 erschienenen Habilitation „Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze“ und in ihrem Buch „Im Engpass der Worte“ finden wir die Grundlagen für dieses Folgewerk. Hier begegnen wir dem Ausgangspunkt der Sprecharbeit und damit auch der Überlegung, dass gerade der Mangel (an Sprache), das Nicht-sagen-Können ein umso stärkeres Begehren zu denken und zu sprechen auslöst.

Sturm entwarf somit ein Bezugssystem, das das Sprechen über und vor Kunst an den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse, Philosophie, Kunstwissenschaft, Museumskunde und Kunstpädagogik bzw. -vermittlung verortet und damit weit über das herkömmliche kunstpädagogische und kunstwissenschaftliche Sprechen hinausgeht. Das heißt, ihr Ansatz von Kunst aus wird nicht auf eine bloße Weitergabe von Wissen und Information reduziert, sondern macht die Betrachter*innen zu aktiven Beteiligten in einem anhaltenden Prozess der intensiven und komplexen Auseinandersetzung. Aufgrund dieses Standpunktes legte sie jene Differenzierungen offen, die das Sprechen im Kunstmuseum in ihrer gesellschaftspolitischen Bedingtheit transparent machen, beziehungsweise allererst bedingen, oder auch verhindern. So wird nachvollziehbar, wie und dass Sprechen dort vor allem als machtvolles epistemisches Instrument eingesetzt wurde und wird. Die Publikation ist für alle jene ein wertvolles Werkzeug, die diese Zugangsbeschränkungen analysieren wollen, um ihnen so zu entgehen und ins Gegenteil zu verkehren.

Die Betrachter*innen in Bewegung bringen – nicht zu einem Abschluss des Denkens, des Wahrnehmens und Fühlens kommen; aus dieser Perspektive zeigt sie den Leser*innen ein bis heute extrem angespanntes Kommunikationsfeld, in das klassistische Distinktionen eingeschrieben sind, die durch historische, politische und psychologische Faktoren bestimmt und gelenkt werden. Die Aktualität der Publikation stemmt sich deshalb auch nicht zuletzt gegen die schwerfälligen Veränderungen der Publikumspolitik insbesondere von Kunstmuseen. Immer noch wird hier der Fokus auf die dort ausgestellten Objekte gelegt und nach wie vor eine Sprache verwendet, die Ausschlüsse produziert. Gleichzeitig ist aktuell der in den 1990er Jahren begonnene Richtungswechsel spürbar, der fordert, inklusiv und diversitätssensibel Bildungsgerechtigkeit zu etablieren; dies ist angesichts einer wiedererstarkenden konservativen Kultur- und Bildungspolitik umso wesentlicher.

Die Neuauflage von „Im Engpaß Der Worte“ behauptet sich zum richtigen Zeitpunkt in diesem Widerspruch und wird auch hier weiter Wirkung zeigen. Denn: Eva Sturm hat in ihrer Arbeit die Notwendigkeit bewiesen, nicht nachzulassen, wenn es um Macht- und Hegemoniekritik als zentrale Ursachen für Bildungsungerechtigkeit in kulturellen Einrichtungen geht. Insofern ist sie ihrem persönlichen Leitsatz fight the power treu geblieben und hat ihr Werkzeug: die Sprache und das Sprechen von Kunst aus als widerständige und empowernde Diskurskultur konsequent eingesetzt.

Von Wiebke Trunk

Veröffentlicht am 11. September 2026

Zitiervorschlag

Trunk, Wiebke: REZENSION: Zur Neuauflage der Publikation von Eva Sturm (2025): Im Engpass der Worte. Sprechen über moderne und zeitgenössische Kunst, in: Zeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb 2026. Quelle: https://zkmb.de/rezension-zur-neuauflage-der-publikation-von-eva-sturm-2025-im-engpass-der-worte-sprechen-ueber-moderne-und-zeitgenoessische-kunst/; Letzter Zugriff: 12.09.2026