Aktuell

Sammlungen

REZENSION: Zur Neuauflage der Publikation von Eva Sturm (2025): Im Engpass der Worte. Sprechen über moderne und zeitgenössische Kunst

11. September 2026
Die Neuauflage der schon lange vergriffenen Publikation „Im Engpass der Worte“ von Eva Sturm ist, auch 30 Jahre nach deren Erstveröffentlichung, ein grundlegender Beitrag zur theoretischen Rahmung zeitgemäßer (personaler) Kunstvermittlung. Die Aufforderung zum Sprechen macht das Buch in aktuellen Bildungsdiskursen zur Grundlage für die Suche nach Bedingungen einer Bildungsgerechtigkeit, die Lernen und Erkenntnis als offenen, individuellen und unabgeschlossenen Prozess versteht, indem Denken und Sprechen zusammengeführt werden. Eva Sturm gehörte zu jenen Kunstvermittler*innen, die mit ihren Texten dem Feld der aktuellen Kunstvermittlung eine grundlegende und nach wie vor zukunftsweisende theoretische Rahmung gegeben hat. In den 1990er Jahren entstanden griff sie zunächst neue Impulse der kritischen Kunstvermittlung auf und publizierte das vorliegende Standardwerk ausgehend von ihrer Dissertation, die von dem Kunstpädagogen und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini betreut worden war.

Posthuman Entanglements in Art(s) Education. Zur Einleitung

23. Juni 2026
Mit den Begriffen „Posthuman“ oder „Posthumanismus“ wird ein Bündel verschiedenster Theorien und theoretischer Strömungen aufgerufen (vgl. Loh 2018; Hoppe 2022b). Ohne diese Theorien in ihrer Unterschiedlichkeit einebnen zu wollen, zielen sie alle auf eine kritische Neuverortung des Menschen in bzw. als Teil der Welt. Das Präfix „Post“ zeigt demnach die Überwindung eines humanistischen, anthropozentrischen Welt- und Selbstbildes an und gleichsam die Entwicklung eines dezentrierten, nicht-humanistischen Welt- und Selbstverhältnisses des Menschen (in Verschränkung mit nicht-menschlichen Anderen). In diesem dekonstruktiven Vorhaben schließen die posthumanistischen Theorien in Teilen an feministische, queere und poststrukturalistische Ansätze und Theorien an. Ähnliches gilt für Theorien, die mit dem Label des Neuen Materialismus versehen wurden (vgl. Hoppe/Lemke 2021). Hier muss jedoch betont werden, dass weder „Posthumanismus“ noch „Neuer Materialismus“ Selbstbezeichnungen waren bzw. sind, sondern dass die unter diesen Labeln zusammengebrachten theoretischen Positionen und Autor*innen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen arbeiten und publizieren (vgl. Hoppe 2022b).

Historische und gegenwärtige Perspektivierungen von Leistung und Fähigkeit durch und im Kunstunterricht. Ein kaleidoskopischer Blick

19. März 2026
Im Beitrag wird anhand von historischen und empirischen Fallbeispielen rekonstruiert, wie leistungs- und fähigkeitenbezogene Wissensordnungen kunstpädagogisch hervorgebracht werden und hierüber ein Bild des zu Kreativität befähigten Kindes zeichnen. Dazu werden Begriffe in einem ersten Schritt aus kulturtheoretischer Sicht beleuchtet, um von hier aus historische und empirische Schlaglichter auf die Kopplung der Begriffe Fähigkeiten, Leistung und Kreativität in kunstpädagogischen Bildungsräumen zu werfen.

Die Rolle von Improvisation in der Ausbildung einer ästhetisch-performativen Sensitivität bei angehenden Kunstlehrer:innen

29. Dezember 2025
Der Beitrag fokussiert Improvisation als Kernkompetenz in forschungsbasierten Lehr-, Lernprozessen zur Ausbildung ästhetisch-performativer Sensitivität (ÄPS) in der kunstpädagogischen Lehrer:innenbildung. Improvisation wird als zukunftsorientiertes Prinzip verstanden, das Ungewissheit und Kontingenz produktiv nutzt und performatives, experimentelles sowie ko-kreatives Arbeiten ermöglicht. Am Beispiel des seit 2019 von Kira Hess laufenden Promotionsprojekts an der Universität Bremen wird empirisch untersucht, wie Improvisation als angewandte Methode, Modus des Handelns und strukturgebendes Merkmal Lehr-, Lern- und Forschungsprozesse erweitert und die Entwicklung einer ÄPS bei Lehramtsstudierenden fördert. Der Text versteht sich als Beitrag zur kunstpädagogischen Diskursbildung, indem er die Potenziale improvisatorischer Verfahren für Lehre und Forschung herausarbeitet und zeigt, dass Improvisation eine entscheidende Grundlage für die Ausbildung einer ÄPS als Schlüsselqualifikation bildet.

Kunstunterricht als Beitrag zu einem gelingenden Leben? Gesellschaftskritische Ansätze in der westdeutschen Kunstpädagogik zwischen 1970 und 1980

3. August 2025
Zwischen 1970 und 1980 wurden in der Geschichte der westdeutschen Kunstpädagogik erstmals verschiedene Zugänge zu populären und alltäglichen Phänomenen visueller Kultur abseits der Bildenden Kunst breit und vielfältig diskutiert. Als ausschlaggebend für die Ende der 1960er Jahre einsetzende Auseinandersetzung mit diesem neuen Themenfeld gilt Saul Paul Robinsohns 1967 erschienenes Buch Bildungsreform als Revision des Curriculums (Tewes 2018: 165). Robinsohn forderte darin die gesellschaftliche Relevanz fachlicher Inhalte im Unterricht und lieferte damit wichtige Impulse für die bestehenden Didaktiken insgesamt. Zur Debatte stand vor allem, „was von einem Schüler im Laufe seiner ‚Vollschulzeit‘ erfahren werden muß, damit er für ein mündiges, d.h. sowohl personell als auch ökonomisch selbständiges und selbstverantwortetes Leben so gut wie möglich vorbereitet sei“ (Robinson 1967: 46). Fachinhalte, so wurde gefordert, sollten insbesondere mit Blick auf eine emanzipatorische Entwicklung von Schüler*innen ausgewählt und aufbereitet werden.

Kritisch werden im Vermittlungskontext ästhetischer Erfahrungsräume. Zwei Beispiele aus der Repräsentationskritik

3. August 2025
Der Diskurs um Kritik in ästhetischen Erfahrungs- und Vermittlungsräumen hat vielgestaltliche Formen und Stränge mit je unterschiedlichen Schwerpunkten auf bereichsspezifische Teilaspekte. Beispielsweise die kritische Pädagogik und Erziehungswissenschaft mit Bezügen zur Kunst (siehe z. B. Klafki 1982, Mollenhauer 1972), die reflexive und emanzipatorische Kulturpädagogik (siehe z. B. Hoffmann 1981), ästhetische Zugriffe auf die Kritische Theorie (siehe z. B. Laner 2018), die Kulturwissenschaften (siehe z. Schade/Wenk 2011) oder die repräsentationskritische Kunstvermittlung (siehe z. B. Mörsch 2017) stellen unter verschiedenen, an manchen Stellen überlagernden, teils einander kontrastierenden oder ergänzenden Prämissen Kritik ins Zentrum. Der Komplex wird dabei an den einen Stellen als Forschungsgegenstand, an anderen Stellen als handlungsleitender Impetus oder als diese beiden Modi beziehend aufeinander behandelt und verwendet. Ein zeitgenössischer Blick auf den schulischen Bildungskontext und die neuen österreichischen Lehrpläne mit der expliziten, überfachlichen Aufforderung darin, kritisches Denken zu vermitteln, lässt die Notwendigkeit für gegenwartsbezogene, symptomatische Positionsbestimmungen aller in Vermittlungssituationen Beteiligter evident werden. Was muss der Vermittlung von kritischem Denken vorausgehen, um diese erfolgreich zur Umsetzung zu bringen, wann beginnt das Kritisch-Sein und wo liegen die Qualitäten ästhetischer Erfahrungsräume dabei? Die folgenden Ausführungen gehen davon aus, dass bestimmte Fähigkeiten in ästhetischen Erfahrungsräumen geschult und verfeinert werden können. Diese meinen unter Rekurs auf Alexander G. Baumgarten beispielsweise scharfsinniges Empfinden, Vorstellungskraft sowie das Vermögen, gedanklich entworfenen und sinnlich wahrgenommenen Eindrücken Ausdruck zu verleihen (vgl. Baumgarten 1988). Im wiederholten Ausüben und Üben ästhetischen Erfahrens werden Prozesse des Lernens initiiert (vgl. ebd.), die unter dem Schirm ästhetischer Bildung auch, so die Leitlinie dieses Textes, das differenzierte Üben von Kritik und, mit Blick auf tradierte hegemoniale Selbstverständnisse, Sensibilität für Renovierungsbestrebungen epistemischer Kräfteverhältnisse vermitteln. Jene ästhetischen Erfahrungsräume, die hierin Behandlung finden, beziehen sich auf Umgebungen, in denen durch die rezeptive wie produktive Auseinandersetzung mit künstlerischen Artefakten und Ausdrucksformen eine Aneignung und Schärfung der eben genannten Fertigkeiten angebahnt werden können.

Ein neuer Turn? Kritik, Kunst, Vermittlung und Sorge

3. August 2025
In der Dezember-Ausgabe 2016 des Kunstmagazins Art Forum schreiben die Herausgeber*innen zum Thema des Hefts The Year in Shock: „Der verblüffende Aufstieg von Nationalismus, Populismus und Fundamentalismus hat die Welt in Aufruhr versetzt. Es ist verlockend, sich vorzustellen, dass wir nur Zeuge einer weiteren Wendung eines Zyklus von Fortschritt und Rückschritt in der politischen Moderne sind. Aber wir können den Untergang des Demos in der longue durée der Demokratie verorten und gleichzeitig den falschen Trost der Vorstellung zurückweisen, dass das, was geschieht, nicht neu ist, dass wir das alles schon einmal gesehen haben. Wie sind wir hierhergekommen?“ (Molesworth 2016: o. S.). In ihrem Beitrag, der auf den Befund des „Untergangs des Demos der Demokratie“1 – den Verlust der politischen Handlungsmacht derjenigen, die zur Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen berechtigt sind, sei es durch Wahlen, Meinungsäußerungen oder andere Formen der Partizipation – reagiert, konstatiert die ehemalige Chefkuratorin des Museums für zeitgenössische Kunst in Los Angeles, Helen Molesworth, eine Wende, die sie als „neue Avantgarde“ beschreibt. Diese greift, im Gegensatz zur historischen Avantgarde, nicht auf die Taktik zurück, dem Schock der Moderne durch künstlerische Schockmittel zu kontern. Stattdessen, so Molesworth, bevorzugen zeitgenössische Künstler*innen eine fürsorgliche Haltung, geprägt von kontinuierlicher Selbstreflexion und Rücksichtnahme auf andere.

Kunstvermittlung zwischen Rationalismus und Bildung

3. August 2025
Der Bildung sind keine Grenzen gesetzt, dem Begriff der Bildung schon. Wer die Grenzen des Deutschsprachigen überschreitet, findet sich weiterhin in Ländern wieder, wo gelehrt und unterrichtet wird, nur wird der Begriff der Bildung fehlen und ersetzt sein durch andere traditionelle Vokabeln, die sich entweder aus dem lateinischen Substantiv für Erziehung, educatio, gebildet haben oder eigenen Sprachtraditionen gefolgt sind, wie im Niederländischen der Begriff vorming, zu Deutsch Formung, Durchformung, im Sinne von Bildung. Nun enthält dieser letzte Satz bereits zahlreiche komplexe Implikationen, die eine Übersetzung wiederum schwer machen würden. Habe ich den Begriff der Bildung bereits in Anspruch genommen, wenn ich sage, etwas habe sich gebildet, in diesem Fall sprachlich, über Generationen hinweg? Der aufklärerische Bildungsbegriff, mit seinem Fokus auf das sich selbst bildende, freie Individuum, kann hierauf nicht angewandt werden. Und doch stehen überindividuelle, sich bildende Prozesse im Hintergrund zur Befähigung des oder der Einzelnen, sich selbst bilden zu können.

Sammlungen

10. Juni 2026
Die vorliegende Sammlung Posthuman Entanglements in Art(s) Education stellt eine Erweiterung der bildungstheoretisch informierten Auseinandersetzung mit Alva Noës Ästhetik, im Anschluss an Ästhetik der Reorganisation (Kargin/Zahn 2025), dar, in dem sie ästhetische Erfahrungen in ihren postdigitalen, techno-humanen Verflochtenheiten in ästhetisch-künstlerischen (Bildungs-)Praktiken und Kontexten untersucht. Noës Denkfiguren der Organisation und Reorganisation bilden dabei ein Grundverständnis davon, wie die Situiertheit und Verkörperung menschlicher und nicht-menschlicher Existenzen als relational gedacht werden können. Die titelgebende Theoriefigur eines posthumanen Entanglements verweist daher, trotz ihrer unterschiedlichen Auslegungen beispielsweise bei Donna Haraway, Karen Barad, Rosi Braidotti oder Alva Noë, immer auf das komplexe Eingebundensein des Menschen in seine menschlichen, nicht-menschlichen und mehr-als-menschlichen Um- und Mitwelt(en). Am Phänomen der postdigitalen Umwelt, welche sich der Sichtbarkeit und Kontrollierbarkeit der Menschen in großen Teilen entzieht und die zunehmend autooperativer agiert, werden Aspekte dieses Entanglements seit den 1990er Jahren in den Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaften extensiv untersucht. Die Beiträge der vorliegenden Sammlung knüpfen an diese Theorietraditionen wie -perspektiven an und erweitern sie, indem sie verschiedene Formen des Entanglements in ästhetisch-künstlerischen (Bildungs-)Praktiken thematisieren und diskutieren. Sie decken dabei eine weite Spanne unterschiedlicher medialer, postdigitaler Phänomene (z. B. Smartphone-Film, TikTok Performances, KI-Kunst, Biosonifikation, Interspecies Music) sowie disziplinäre Zugänge (z. B. ästhetisch, künstlerisch, erziehungs-, medien- und kulturwissenschaftlich sowie forschungsmethodologisch u.a.m.) im Schnittfeld von Kunst, Medien und Bildung ab und machen damit diese Denkfigur für ästhetisch-künstlerische, kunstpädagogische oder forschende Praxen zugänglich.
17. November 2025
Bildsituationen umfassen mehr als zeitliche, räumliche, institutionelle, mediale, historische und kulturelle Kontexte, in welche Bilder eingelassen sind. Sie sind epistemisch bedeutsam, weil sie uns anders ausrichten und positionieren können, noch bevor wir aktiv auf sie Bezug nehmen. Sie sind der Bildlichkeit vorgängig und doch nicht von ihr zu trennen. Sie überschreiten den Horizont des aktuell Gesehenen und akzentuieren eine Rahmung, die sich auf Gegenwärtiges bezieht und es im selben Zuge an Abwesendes, Latentes und Imaginäres bindet. Bildsituationen involvieren uns dementsprechend nicht allein visuell, sondern synästhetisch, leibhaft und performativ.
6. August 2025
Narratives ist seit jeher zentral für die menschliche Welterschließung – es verknüpft Kulturen, überdauert Zeit und Raum und prägt unser Verständnis von Wirklichkeit. In der Postdigitalität stellen sich nun Fragen danach, wie digitale Technologien und Künstliche Intelligenz das Narrative verändern. Wer bestimmt, welche Geschichten erzählt werden und wie erzähle ich mich selbst in einer komplexen Welt? Dieser Band versammelt in sieben Kapiteln transdisziplinäre Beiträge, die sich entlang der Denkfiguren Bildung, Geschichte/n und Doings bewegen und dabei neue Perspektiven auf postdigitale Narrative eröffnen.